
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Strafe Von › Werner Popken
In dieser Woche habe ich mich mit dem Video/DVD Die Schule des Pferdes Teil 5 beschäftigt. Zum Schluß habe ich noch einmal betont, was in allen Filmen angesprochen worden ist: Rudolf Zeilinger verlangt von seinen Pferden viel, aber er straft niemals.
Das Thema Strafe wollte ich im Tip dieser Woche aufgreifen, war mir aber nicht sicher, ob ich mich darüber nicht schon einmal ausgelassen habe. Das konnte ich aber schnell klären. Der Tip 161 heißt › Bestrafung. Nun mußte ich natürlich erst einmal nachlesen, was ich damals geschrieben hatte. Das fand ich gut. Ich will mich hier nicht wiederholen und fordere Sie deshalb auf, ein Gleiches zu tun.
"Strafe muß sein", sagt der Volksmund. Vor 40 Jahren begann der große Aufbruch. Überkommene Rezepte, die niemals in Frage gestellt worden waren, wurden nun überprüft. Bestrafung als pädagogisches Konzept wurde als automatische Fortsetzung eines Systems erkannt, das unhaltbare Prinzipien anwandte und dadurch Verhältnisse schuf, die das System stabilisierten. Oder klar und einfach ausgedrückt: Wer als Kind bestraft wurde, neigt dazu, später selber zu bestrafen.
Im erwähnten Tip habe ich versucht, das Mißverständnis aufzuklären, dem die antiautoritäre Erziehung aufgesessen ist. Strafen sind ungeeignet, aber das bedeutet nicht, daß Kinder oder Pferde tun und lassen können, was sie wollen. Bei Pferden ist das offensichtlich. Wenn wir wollen, daß sie etwas lernen, müssen wir sie fordern. Davon spricht Zeilinger bzw. der Sprecher immer wieder: Zeilinger fordert viel und geht immer wieder bis an die Grenzen.
Auf der anderen Seite reagiert er sofort, wenn das Pferd etwas tut, was es nicht soll. Statt es zu bestrafen, fordert er Übungen, die es schon beherrscht und bei denen es deshalb einen unmittelbaren Erfolg hat. Er erkennt also, daß die unerwünschte Handlung eine Reaktion auf eine nicht verstandene oder nicht bewältigbare Aufgabe ist, was der erste Schritt zur souveränen Bewältigung der Lernsituation ist.
Diese für das Pferd unangenehme Erfahrung münzt er um in eine angenehme, er biegt sozusagen die Erlebnisrichtung vom Negativen zum Positiven um und kann dadurch das Pferd auch sehr schön stabilisieren. Durch diesen Rückzug kann er dann einen erneuten Anlauf in die richtige Richtung machen und wird irgendwann dem Pferd eine positive Erfahrung bescheren, wenn es nämlich etwas Neues gelernt hat.
Wohlgemerkt: Zeilinger läßt dem Pferd nichts durchgehen; er reagiert sofort. Im erwähnten Tip habe ich den Begriff Grenzen benutzt, um deutlich zu machen, daß Erziehung notwendig ist und Arbeit bedeutet, bei Kindern und bei Pferden.
Wie kann man als Lehrer die Kraft aufbringen, nicht ärgerlich zu reagieren, nicht zu strafen? Das geht sicherlich nur über die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Vor vielen Jahren habe ich in irgendeinem Buch einen Vergleich gelesen, den ich nie vergessen habe. Es ging darum, wie ein Elternteil reagieren sollte, wenn ein Kind Anlaß zum Ärger gegeben hat.
Als Beispiel wurde konstruiert, daß das Kind Geschirr zerbrochen hat. Es wäre für die meisten Menschen verständlich, vielleicht sogar selbstverständlich, wenn das Kind anschließend zumindest ausgeschimpft werden würde, wenn nicht gar bestraft. Das Argument lautete in diesem Fall: Das Kind hat das Geschirr nicht mutwillig zerbrochen, es war ein Mißgeschick. Vermutlich fühlt sich das Kind ohnehin schlecht, schuldig, ungeschickt. Wenn einem Gast so etwas passiert wäre, würde man automatisch annehmen, daß der Vorfall dem Gast entsetzlich peinlich ist. Man würde Verständnis zeigen, den Vorfall herunterspielen, um dem Gast in seiner Verlegenheit zu helfen.
Warum sollte man sein Kind schlechter behandeln als einen Gast? Warum sollte man sein Pferd schlechter behandeln?
Aber selbst unterstellt, das Kind oder der Gast hätten das Geschirr mutwillig zerbrochen, so würden wir doch annehmen, daß es dafür einen Anlaß und eine Erklärung gibt. Selbstverständlich würden wir den Vorgang reflektieren. Es wäre völlig falsch, so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Das ist es nicht. Zeilinger nimmt es nicht hin, wenn er nicht bekommt, was er will. Aber er verlangt nichts, was in der Situation unmöglich ist. Er macht es dem Pferd leicht, seinen Meister zu erfreuen.
Wenn es Schwierigkeiten gibt, muß man diese aufklären. Zeilinger hat nur angedeutet, welche Probleme es mit Pferden geben kann. Zum Beispiel kann die Konstitution problematisch sein, das Pferd kann Gebäudefehler haben, die Muskulatur kann zu wünschen übrig lassen, die Nerven mögen nicht mitspielen, das Pferd mag schlechte Erfahrungen gemacht haben. Was immer es sein mag, mit Strafen wird man nicht helfen können.
Schon im Tip 161 habe ich betont, daß dieser Sachverhalt eigentlich sonnenklar ist. Trotzdem ist es unendlich schwierig, diesen Gedanken durchzusetzen. Nicht nur im Kleinen, auch in der großen Politik wird selbstverständlich angenommen, daß man durch Bestrafung etwas erreichen kann. Welche Verblendung!
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