
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Es gibt Hunderte von Büchern über das Reiten, und seit Jahrhunderten schon wird darüber geschrieben. Aber immer noch gibt es Lücken. Die Autoren dieses Buches haben eine solche Lücke entdeckt und gefüllt. Ute Holm ist aufgefallen, daß es für Kinder und Jugendliche nichts Brauchbares auf dem Markt gibt, wenn es um das Thema Westernreiten geht.
Als sie selbst jung war, gab es noch nicht einmal Trainer. Diese Situation hat sich inzwischen sehr geändert, aber es ist nach wie vor nicht leicht, einen guten Trainer zu finden und dessen Qualifikation und Eignung zu beurteilen. Wie üblich geht auch dieses Buch davon aus, daß man das Reiten nicht nur aus Büchern lernen kann. Daher werden die unterschiedlichen Prüfungen vorgestellt, die ein Trainer inzwischen ablegen kann. Grundsätzlich kann sich aber nach wie vor jeder als Reitlehrer bezeichnen, der es möchte. Da auch erfolgreich abgelegte Prüfungen nicht unbedingt Auskunft darüber geben, ob jemand seine Kenntnisse weitergeben kann, ist es besonders wichtig, die richtigen Fragen zu stellen und die richtigen Beobachtungen zu machen.
| Sind die Boxen und die Stallgasse sauber oder muß man ständig durch Pferdemist waten? Sind die Pferde lebendig und neugierig oder stehen sie lustlos und traurig in ihren Boxen? Sind sie gut gefüttert oder sehen Sie eher mager aus? Sind die Menschen auf der Reitanlage freundlich zu dir, oder hast du das Gefühl, daß du eigentlich nicht willkommen bist?
Dann spreche mit dem Reitlehrer oder der Reitlehrerin. Frage ihn oder sie, wie der Unterricht aussieht. Beobachte, wie er oder sie mit Pferden und Menschen umgeht. Wenn die etwas nicht verständlich ist, frage ihn, warum er dies oder jenes tut. Auch wenn er in deinen Augen Mal grob mit einem Pferd umgeht, frage nach den Gründen. Du wirst selbst sehr schnell merken, ob eine Reitlehrerin, ein Reitlehrer eine verständliche Erklärung hat für das was sie tun, oder ob sie nur ihre schlechte Laune am Tier auslassen. Schaue auch beim Reitunterricht zu. Kommandiert der Reitlehrer nur eine ganze Gruppe herum, oder beschäftigt er sich auch mit einzelnen Schülern? Steht er nur da und sagt gar nichts? Brüllt er nur schlecht gelaunt in der Halle herum und sagt, was die Schüler alles falsch machen? Oder bemüht er sich den Reitschülern verständlich zu machen, wie sie es besser machen können? Wenn du dies alles beobachtest, bekommst du sicherlich schnell ein Gespür dafür, ob du hier am richtigen Platz bist und das Westernreiten gut lernen kannst. Vielleicht kannst du ja auch mit anderen Kindern und Jugendlichen im Stall in Kontakt kommen und sie nach ihren Erfahrungen fragen. Auf jeden Fall solltest du über die Dinge, die ich hier angesprochen habe, auch mit deinen Eltern sprechen. Denn höchstwahrscheinlich sind sie es ja, die deine Reitstunden bezahlen. Seite 31-33 | | |
An diesem Zitat konnte ich sehr schön demonstrieren, daß die Autorinnen ihre Leser ernstnehmen. Im Ton unterscheidet sich dieses Buch in keiner Weise von irgend einem Buch für Erwachsene. Und das finde ich sehr schön. Auch kleine Kinder wollen ernstgenommen werden. Deshalb befürchtete ich, daß dieses Buch einen unangemessenen Ton anschlägt. Die Comicfigur auf dem Umschlag fand ich schon sehr bedenklich.
Erfreulicherweise spielt diese Comicfigur kaum eine Rolle. Der Text ist immer wieder durch sogenannte Kästen ergänzt, die durch kleine Comics illustriert werden. Sie stören nicht weiter. Die fleckenhafte Tönung unter den Kästen stört allerdings sehr beim Lesen. Eine gleichmäßige Färbung hätte die Kästen ebenfalls optisch hervorgehoben, ohne die Verständlichkeit zu beeinträchtigen.
Ich habe nichts gegen Comics, im Gegenteil (siehe Galeriebeiträge › Comic, › Asterix). Im Verlagswesen werden Comics jedoch als Verkaufshilfe eingesetzt; das Genre wird also eigentlich mißbraucht. Nun könnte man annehmen, daß auch in dieser Hinsicht Spitzenleistungen vollbracht werden können. Bisher habe ich leider nur das Gegenteil gesehen. Dieses Buch ist keine Ausnahme, und deshalb freue ich mich, daß die Comicfigur wirklich keine Rolle spielt. Ich hoffe, daß die Absicht des Verlages aufgeht und sich mehr Käufer durch die Figur animiert als abgestoßen fühlen.
Noch etwas sollte durch das Zitat deutlich geworden sein: Die Autorinnen nehmen ihre Zielgruppe nicht nur ernst, sondern sie versuchen, sich ihnen auch wirklich verständlich zu machen. Dazu gehört auch, daß englische Vokabeln und deren Aussprache nicht vorausgesetzt werden.
| Horsemanship
Es gibt bei den Westernreitern diesen Begriff, der sich nur schwer ins Deutsche übersetzen läßt, der uns aber sagen will, wie ein Cowboy sein Pferd behandeln sollte. "Horse" ist das englische Wort für Pferd. Ein "Horseman" ist ein Mensch, der gut mit Pferden umgehen kann und sie wirklich versteht. Und "Horsemanship" bedeutet in etwa die Kunst, Pferde so zu verstehen und so mit ihnen umzugehen, daß sie sich mit uns wohlfühlen und gerne tun, was wir von Ihnen verlangen. Wenn du ein guter Westernreiter werden willst, dann mußt du dich auch immer darum bemühen, ein "Horseman" zu werden. Seite 41 | | |
Der Text bleibt immer sachlich und präzise und stets der Leserschaft eingedenk:
| Was macht die Trense im Maul?
Wenn du auf dem Pferd sitzt, dann möchtest du natürlich vom Pferderücken aus auf das Pferd einwirken. Eine Möglichkeit dafür sind die Zügel. Sie fassen die Trense wie ein extra langer Finger an (Genaueres dazu auf Seite 76) und können damit den Kopf des Pferdes in eine bestimmte Richtung ziehen. Die Trense zupft aber auch in den feinfühligen Mundwinkeln des Pferdes. Sie drückt auf die druckempfindlichen Kieferladen, also den Teil des Unterkiefers zwischen den Schneide- und Backenzähnen des Pferdes. Und sie übt Druck auf die Zunge und den Gaumen des Pferdes aus.
Ich hoffe, daß dir damit schon klar wird, wie behutsam die Zügel eingesetzt werden sollten. Und ich möchte dir hier schon ans Herz legen, besonders feinfühlig mit ihnen umzugehen. Seite 51 | | |
In diesem Kasten wird auf folgenden verwiesen:
| Ein extra langer Finger
Stelle dir vor: Dein Zügel ist ein extra langer Finger.
- Wenn die Zügel etwas durchhängen, dann berühren deine "Fingerspitzen" die Mundwinkel des Pferdemaus nicht. Du wirkst nicht auf das Pferd ein. Das Pferd spürt keinen Druck oder Zug.
- Du kannst nun die Zügel "aufnehmen" (man sagt auch: Die Zügel werden "angenommen"). Entweder, indem du die Hände mehr zu deinem Körper und nach oben führst. Oder indem du eine oder beide Hände nach links oder rechts außen führst. Oder indem du die Zügel kürzer nimmst. Dein extra langer Finger faßt also an die Mundwinkel des Pferdemaus.
- Wenn die Zügel so angenommen werden, daß sie fast eine gerade Linie bilden, dann berühren deine "Fingerspitzen" gerade mal das Pferdemaul. Das Pferd merkt: Hoppla, da ist etwas, ich muß aufpassen. Das Pferd spürt keinen starken Druck, aber es wird aufmerksam.
- Werden die Zügel stärker angenommen, wenn du also an den Zügel ziehst, dann zieht dein "extra langer Finger" die Mundwinkel des Pferdemauls nach hinten. Entweder nur auf einer Seite oder auf beiden, je nachdem, ob du mit beiden "Fingern" oder nur mit einem ziehst.
- Wenn dann "Finger" unruhig und nervös ist, dann zupft du also ständig im Pferdemaul herum - was nicht gerade angenehm ist, wie du dir sicher vorstellen kannst.
- Wenn du heftig und ruckartig am Zügel zerrst, dann verursachst du dem Pferd Schmerzen.
- Nur wenn deine "Fingerspitze" das Pferdemaul erstmal behutsam anfaßt und dann den Zug nach und nach steigert, hat dein Pferd überhaupt die Chance, mit seinem Kopf dem Zügelzug nachzugeben und die Bewegung zu machen, die du gerade von deinem Pferd wünschst.
| Seite 76 | | |
Begleitet wird dieser Kasten von der entsprechenden allgemeinen Diskussion über Zügel im Kapitel "Das ABC des Westernreitens" und zwei weiteren sehr vielen Fotos, die die Zügelhaltung demonstrieren. Die Bildunterschrift lautet in diesem Fall:
| Handakrobatik für Fortgeschrittene: Wenn man die Hände schließt und öffnet, als wolle man einen Schwamm ausdrücken, dann kann man so die Zügellänge beeinflussen. Geschlossene Hände (Bild links): Der Zügel wird etwas kürzer - der Zug am Pferdemaul verstärkt sich etwas. Offene Hände (Bild rechts: Der Zügel wird länger - der Zug am Pferdemaul läßt nach. Seite 77 | | |
Diese Leseproben zeigen, wie sorgfältig die Autorinnen vorgehen. Als Elternteil bin ich sehr beeindruckt und begeistert. Wenn es das Buch damals schon gegeben hätte, hätte ich es meinen Töchtern gerne geschenkt, und ich bin sicher, das sie das Buch auch gern gelesen hätten. Obwohl es von zwei Autorinnen stammt, glaube ich gern, daß Ute Holm eine gute Lehrerin ist. Sie weiß nicht nur, wie es geht, sondern auch warum, und kann diese Einsichten formulieren und vermitteln.
erschienen 12.09.04
Siehe auch die folgende Rezension: Ausgabe 159, Holm, Ute: › Western-Reiten, aber bitte klassisch
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