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aus Hübener, Eberhard: Schmeichelnder Sitz, atmender Schenkel, flüsternder Zügel, siehe  Rezension
 
 

 
W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Treiben, aber wie?
Ständige Schenkeleinwirkung: ja oder nein?

Treiben

Diskussion von   Eberhard Hübener

Treiben, treiben, treiben, treiben?Kürzlich stellte ich einem geschätzten Reiterkameraden Drehbuch und Kommentar für das geplante Video "Balancesitz und Schenkelhilfen - vorgegeben von den Bewegungen des Pferderückens und des Pferderumpfes"1 vor. In diesem Video2 sollen die Rücken- & Rumpf-Bewegungen des Pferdes erstmals in bewegtem Bilde für jedermann verständlich festgehalten werden.

In der Nutzanwendung aus dem Gezeigten wird dort unter anderem demonstriert,

  • wie das ständige Heranfallen der Schenkel korrekt und losgelassen sitzender Reiter vorübergehend "auszuschalten" ist,
  • bei Bedarf aber augenblicklich als Zeitgeber für eine taktgerechte Schenkelhilfe reaktiviert
  • und - ob der Reiter nun treibt oder nicht - gleichzeitig immer zur kontinuierlichen Sitzverbesserung genutzt werden kann.

Zu meiner Überraschung erklärte der Reiterkamerad, auf ständige Schenkeleinwirkung könne man nicht verzichten: Da das Gewicht des Reiters dem Pferd die freie Entfaltung seiner Gänge erschwere, müsse der Reiter dieses Handicap eben durch laufende, mehr oder minder starke Unterstützung des Vierbeiners per Schenkel-Einwirkungen kompensieren.

Das skizzierte Gespräch hat mich bewogen, meine Hippo-Bibliothek wieder mal zu konsultieren. Das Ergebnis ist hier chronologisch aufgelistet und enthält Beiträge denkender Reiter der letzten eineinhalb Jahrhunderte. Es verdient m. E. durchaus allgemeines Interesse:

  • Gustav Steinbrecht schreibt 1884, "aus der ruhigen, mehr passiven Anlehnung der Waden" müsse der Reiter "oft mit ihnen zu größerer Tätigkeit übergehen". Unter anderem könne man "auch anregend auf den Gang damit wirken, indem man der Wirkung des im Takt der Bewegung an den Leib des Pferdes heranfallenden Schenkels mehr Nachdruck verleihe".


  • Im Sammelband von Peter Spohrs zwischen 1903 und 1909 herausgekommenen Werken, die allesamt kein Sachverzeichnis enthalten, hoffe ich anhand der Inhaltsübersichten dennoch sämtliche, die Schenkelhilfen betreffenden Passagen ermittelt zu haben. Ob man ständig treiben soll, oder das Treiben besser einstellt, wenn das Pferd reagiert hat, beantwortet er dort m. W. nicht.


  • In der [Heeres-] Reitvorschrift von 1912 steht: "Bei einem durchgearbeiteten, in guter Haltung schwungvoll an die Zügel tretenden Pferde genügt bei richtigem Sitz das weiche Fühlenlassen der Unterschenkel, um es in Form, Gangart und Tempo zu erhalten." Das Pferd hole sich Anregungen durch stärkere Fühlungnahme mit der Reiter-Wade in den Augenblicken des Vortretens des [gleichseitigen] Hinterfußes gewissermaßen selbst.3 "Der Schenkel muß aber umso tätiger und der Schenkeldruck um so stärker werden, je mehr es gilt, die Hinterfüße anzuregen oder zu beherrschen."


  • Wilhelm Müseler äußert sich 1933 zum "Ständig Treiben oder nur bei Bedarf?" offenbar nicht. Im Kapitel "Die Einwirkungen mit den Schenkeln" heißt es bei ihm: "Der Schenkel wirkt demnach auf den gleichseitigen Hinterfuß des Pferdes ein. Das Gefühl dafür steigert und verfeinert sich beim Reiter derart, daß die Schenkeleinwirkungen zu selbstverständlichen Reflexbewegungen werden, deren Betätigung nicht erst der Überlegung bedarf, sondern instinktiv einsetzt. Die erforderliche Druckstärke wird sich bald gefühlsmäßig regeln."

    Dies könnte man so verstehen, daß der Reiter bei Müseler seine Schenkel ständig links, rechts, links, rechts an den Pferderumpf fallen lassen, und nur die Druckstärke dieses "Fallen Lassens" verändern soll.


  • Gustav von Dreyhausen beantwortet unsere Frage 1936 erstmals präzise: "Jede Hilfe muß sonach wachsend - von wenig über mehr bis genug - angewendet werden, bis sie wirkt, dann aufhören, um im Bedarfsfalle wiederholt zu werden, damit sie nicht das Gegenteil ihrer Bestimmung erreicht [....]", liest man da.

    Und: Die meisten Hilfen würden mit zunehmender Rittigkeit des Pferdes durch "Zeichen" abgelöst, "leichte Andeutungen", die "sich nur mehr an das entwickelte, aufmerksame Verständnis des intelligent gewordenen Pferdes wenden und ihm ohne weiteres begreiflich geworden sind." - Oder: "Manche Reiter sind sich nicht im Klaren darüber, daß eine unerläßliche Grundbedingung zur Erzielung der Verständigung mit dem Pferde die ist, Hilfen einerseits im erforderlichen Maße wachsend zu erteilen, andererseits damit aufzuhören, wenn sie gewirkt haben, gleichgültig ob es Sitz-, Schenkel- oder Zügelhilfen sind." Und: Der Schenkel spiele bei versammelnder Arbeit nur "die Rolle des aufmerksamen Wächters, der auf der Lauer liegt, daß ihm die Hinterbeine ja nicht entkommen und der Schwung nicht verlorengeht [....]."


  • In der [Heeres-] Reitvorschrift von 1937 sind die entsprechenden Sätze aus der Fassung von 1912 (oben zitiert!) wörtlich übernommen, während der in Fußnote 3 beanstandete "Selbstbedienungs"-Passus komplett entfallen ist.


  • In einem von Udo Bürger und Otto Zietzschmann gemeinschaftlich erstellten Werk heißt es 1939, das Pferd müsse sich in jeder Gangart treiben lassen, es müsse auf verstärkten Schenkeldruck im Tempo willig zulegen, bei gleichbleibendem Druck das Tempo halten und bei aufhörendem Druck in die nächst niedrige Gangart fallen bzw. stehen bleiben. Verringern des Schenkeldrucks ist hier also nur vorgesehen für den Übergang in eine niedrigere Gangart, Aufgeben des Schenkeldrucks für das Durchparieren aus dem Schritt. Ansonsten wird fleißig gedrückt: Wenig, stärker oder sehr stark.


  • Waldemar Seunig sagt 1941: "Man darf es aber beim Anregen zu keinem dauernden, betonten Heranfallen des wechselseitigen Schenkels [....] kommen lassen." Denn: "Jede dauernde Schenkelhilfe" mache "das Pferd stumpf, unempfindlich und schenkeltot."

    Und 1956: "Der Schenkeldruck muß bei Eintritt des Gehorsams sofort aufhören. Die Schenkel nehmen dann wieder ihren früheren Zustand am Pferdeleib an, damit sie bei ihrem pulsierenden weichen Anliegen jeden 'falschen Tritt' spüren und gleich zur Stelle sind. Wer ständig drückt, macht sein Pferd schenkeltaub und hat keine Reserve mehr, wenn er einmal ernstlich drücken müßte."


  • 1959 sieht Udo Bürger die Dinge ebenfalls anders als in dem zwanzig Jahre zuvor erschienenen Gemeinschaftswerk mit Anatomieprofessor Zietzschmann dargelegt. Jetzt präzisiert er: "Solange das Pferd fleißig vorwärtsgeht, verharren die Schenkel untätig in der Ruhelage. Wird es dagegen träge, dann wiederholt sich die gleiche, feine Hilfe. Wir müssen von Anfang an verlangen, daß das Pferd das mit unserer einmaligen treibenden Hilfe geforderte Tempo, auch nachdem unsere Schenkel in die Ruhelage zurückgekehrt sind, unverändert weiter hält, solange bis es entweder durch eine weitere Schenkelhilfe zur verstärkten Gangart oder durch verhaltende Zügel- oder Sitzeinwirkung zur Änderung des Tempos bzw. zum Halten aufgefordert wird. Takt und Trittlänge werden also nur reguliert, d. h. Unterschenkel und Zügel werden nur gebraucht, wenn es notwendig ist, weil das Pferd aus dem ihm gegebenen Takt kommt."


  • Alois Podhajsky sieht das 1965 ebenso: "Sobald das Pferd dem Willen des Reiters nachkommt, bleibt der Schenkel in seiner normalen, bei einem Schulsitz vorgesehenen Lage in Fühlung am Pferdekörper. Nichts ist schädlicher und die Ausbildung hemmender als dauernd klopfende Schenkel. Das Ergebnis solch fehlerhafter Hilfengebung ist, daß der Schenkel immer mehr klopft, das Pferd immer weniger geht. Aber auch ein ständiges Anpressen der Schenkel ist falsch, weil der Reiter ermüdet und das Pferd abstumpft. Der Druck der Schenkel muß sofort nachlassen, wenn das Pferd dem Willen des Reiters nachgekommen ist."


  • Kurt Albrecht gibt 1981 zu Bedenken: "Ein Reiter, der bereits in Gängen, die keine besonderen Anforderungen an das Pferd stellen, zum Vorwärtstreiben den Schenkel benötigt, dem werden für höhere Anforderungen kaum noch Steigerungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen."


  • Heinz Meyer erwähnt in seiner zwischen 1980 und 83 zunächst in der ReiterRevue erschienenen Reit- und Ausbildungslehre eher beiläufig, weich und zu dosierter Einwirkung fähig bleibe der Schenkel nur, wenn er auch loslassen könne, führt das allerdings nicht näher aus.


  • Auch Richard Hinrichs bringt es 1989 auf den Punkt: "Soll ein Pferd auf die treibenden Schenkelhilfen nicht abgestumpft werden, so gilt der Grundsatz 'Treiben nur wenn nötig!'. Jedes unnötige Treiben hat zu unterbleiben. Diese Aussage steht in deutlichem Widerspruch zur Lehre in vielen Reitschulen, in denen vermittelt wird, von der ersten bis zur letzten Minute der Reitstunde sei jeder Tritt taktmäßig herauszutreiben. Geschieht dies mit Hilfe der Sporen, so ist verwunderlich, wie robust Haut und Haarwuchs bei vielen Pferden sind. Jede Feinabstimmung ist bei dieser Lehrmeinung allerdings unmöglich."


  • Susanne Miesner, Michael Putz und Martin Plewa erklären 1994 in der wohl bis heute gültigen Fassung der [FN-] Richtlinien dennoch, das Pferd hole sich bei jedem Schritt oder Tritt (!) eine Einwirkung des stetig anliegenden Schenkels und treibe sich dadurch gleichsam selbst, ohne daß der Reiter aktive Muskelkraft leiste. "Durch ein stärkeres, kurzes Anspannen der Wadenmuskulatur wird das jeweilige Hinterbein vermehrt zum Abfußen veranlaßt." Eine Empfehlung bewußten Aussetzens jeglicher Schenkelhilfe nach der gewünschten Reaktion findet man anhand des Stichwortverzeichnisses nicht.


  • Helmut Beck-Broichsitter hat keine Reitlehre geschrieben, aber "Streitbare Schriften für reiterliche Werte". Da macht er 1997 - freilich nicht speziell auf die Schenkel-Einwirkungen bezogen - klar: "Das Pferd lernt und handelt nicht durch logisches Denken, sondern aus Erfahrung. [....] Beachten Sie also die Regel: Bei Gelingen nicht wiederholen!" [Sondern loben, loben, loben!]


  • Und Philippe Karl fordert im Jahr 2000 klar und unmißverständlich: "Das Pferd von jeglicher [!] Schenkelhilfe [zu] verschonen, solange es vorwärts geht!"
Das Zurückblättern in bekannten Reitlehrbüchern der letzten eineinhalb Jahrhunderte hat mich in meinen eigenen Überzeugungen nur bestärkt. Ich bleibe bei meinen Aussagen!

Man kann Reiten eben als Mechanik auffassen (hinten treiben und belasten, vorn aufrichten) und das Pferd so im Schweiße seines Angesichts per Muskelkraft durch eine Prüfung "tragen". Oder man bemüht sich um Kommunikation mit dem Vierbeiner und überläßt die Arbeit ihm. Dieser Weg ist beiden ein Vergnügen: Dem Reiter und dem Pferd.



1 Dem Drehbuch liegt die zweite, erweiterte Auflage des Sachbuchs Eberhard Hübener: "Schmeichelnder Sitz, atmender Schenkel, flüsternder Zügel", Olms Presse, Hildesheim 2002 zugrunde – eine Sammlung teils schon in Reitsport-Zeitschriften veröffentlichter Aufsätze.
2 Ein Sponsor dafür ist noch nicht gefunden.
3 Eine eingeschobene Schilderung des Zustandekommens dieser "Selbstbedienung" ist eindeutig falsch, feiert in den wohl heute noch gültigen Richtlinien für Reiten und Fahren von 1994 (FN) aber fröhliche Urständ.




Literatur:
Kurt Albrecht: Dogmen der Reitkunst; Verlag Orac, Wien 1981 - S. 73
anonym: [Heeres-] Reitvorschrift von 1912; Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Berlin 1912 - S. 52
anonym: [Heeres-] Reitvorschrift von 1937; E. S. Mittler & Sohn, Berlin 1937 - S. 38
Helmut Beck-Broichsitter: Was heißt hier klassisch?; Selbstverlag 1997, S. 28 und 34
Udo Bürger: Vollendete Reitkunst; Paul Parey, Berlin und Hamburg 1959 - S. 147
Udo Bürger, Otto Zietzschmann: Der Reiter formt das Pferd; Nachdruck der Ausgabe von 1939, FN-Verlag, Warendorf 1987 - S. 34
Gustav von Dreyhausen: Grundzüge der Reitkunst (1936), Nachdruck der 3., 1951 in Wien erschienenen Auflage, Olms Presse, Hildesheim 1983 - S. 10, 13, 35
Richard Hinrichs: Tänzer an leichter Hand - Reiten mit unsichtbaren Hilfen; Verlag Wilh. Schröer & Co., Seelze, 1989 - S. 83
Philippe Karl: Reitkunst; BLV, München 2000 - S. 69
Heinz Meyer: Reiten und Ausbilden (zunächst von 1980 bis 83 in 35 Folgen in der ReiterRevue erschienen); Olms Presse, Hildesheim 1995 - S. 19
Susanne Miesner, Michael Putz, Martin Plewa: Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1 (1994); FNverlag, Warendorf 2000 - S. 74
Wilhelm Müseler: Reitlehre (1933); 16. Auflage, Paul Parey, Berlin [ohne Jahreszahl, aber zweifellos vor 1945 erschienen] - S. 33
Alois Podhajsky: Die klassische Reitkunst; Nymphenburger Verlagsanstalt, München 1965 - S. 51
Waldemar Senig: Von der Koppel bis zur Kapriole (1941); Fretz & Wasmuth, Zürich 1949 - S. 247
      und: Reitlehre von heute; Erich Hoffmann Verlag, Heidenheim 1956, S. 130
Peter Spohr: Die Logik in der Reitkunst; Reprint von vier, zwischen 1903 und 1909 erschienenen Werken, Olms Presse, Hildesheim 1979
Gustav Steinbrecht: Das Gymnasium des Pferdes (1884); 9. Auflage, Dr. Rudolf Georgi, Aachen 1975 - S. 16





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