
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
In den letzten Wochen habe ich mich mit Büchern von Eberhard Hübener beschäftigt, der aus der klassischen Reiterei kommt (› ... und ritt nur zu meinem eigenen Vergnügen, › Schmeichelnder Sitz, atmender Schenkel, flüsternder Zügel). Obwohl er immer wieder betont, daß die klassische Reitlehre sich auf eine jahrhundertelange Tradition stützen kann und die sportlichen Erfolge keinen Zweifel an der Wirksamkeit der Methoden zulassen, scheint es trotzdem nach wie vor die größten Unklarheiten und Mißverständnisse unter den Reitern zu geben (siehe Diskussion › Treiben).
Unsere übermächtige FN scheint bei der Fortschreibung der Mißverständnisse eine große Rolle zu spielen. Die große Szene der sogenannten Freizeitreiter, die inzwischen von der FN unter dem Begriff Breitensport in Beschlag genommen wird, hat sich von der FN weitgehend abgewandt und bei anderen Lehrern Hilfe und Rat gefunden. Diese Bewegung war so stark, daß die FN inzwischen einen der prominentesten Vertreter der alternativen Richtungen, Monty Roberts, mehr oder weniger hofiert.
Das Problem mit Monty Roberts ist, daß er wenig über das Reiten auszusagen hat. Die meisten Pferdebesitzer wollen irgendwann mal vom Boden aufs Pferd, eher früher als später. Einige der ehemaligen Jünger haben in ihren Büchern inzwischen diesen Weg erfolgreich beschritten und zeigen ihren Schülern, wie man vom Boden aus gut gearbeitete Pferde erfolgreich im Sattel arbeitet.
Der Verlag bezeichnet Richard Maxwell als Schüler von Monty Roberts. Dieser hat bekanntlich Statthalter in verschiedenen Ländern installiert. Manch einer, der sich gute Chancen ausgerechnet hatte, diesen Posten zu übernehmen, sah sich getäuscht. Ob Richard Maxwell in dieser Rolle in Großbritannien tätig oder ob er einer derjenigen ist, die sich Chancen ausgerechnet und dann doch das Nachsehen hatten, kann ich im Moment nicht herausfinden. Im Klappentext wird seine Verbindung zu Monty Roberts jedenfalls interessanterweise nicht erwähnt.
Auch im Vorwort "Ein Lebensstil" stellt Richard Maxwell diese Verbindung nicht her; im Gegenteil kann man diese sogar als eine Distanzierung zu seinem Lehrer auffassen:
| Ich möchte allen Pferdebesitzern raten, sogenannten "Gurus" und allen, die von sich behaupten, die perfekte Methode gefunden zu haben, mit äußerster Skepsis zu begegnen. Allzuoft meinen sie, die "einzige" Methode entdeckt zu haben. Ein solcher Dogmatismus führt dazu, daß sie sich anderen Möglichkeiten gegenüber verschließen und nicht bereit sind, vom Wissen anderer, die vielleicht einen anderen Weg verfolgen, zu profitieren. Wie heißt es so schön: Viele Wege führen nach Rom. Die Wahl hängt davon ab, wieviel Zeit man sich nehmen und wo man verweilen möchte; auch davon, welches Programm für das jeweilige Pferd am besten geeignet ist. Jeder, der einen guten Plan verfolgt und die Geduld aufbringt, das Tempo dem Pferd anzupassen, wird eines Tages auch zum Ziel kommen! [...]
Wenn es um die weitere Ausbildung ihrer Pferde oder um die Lösung von Problemen geht, gehen die meisten Besitzer entweder einen Kompromiß ein oder ziehen einen "Experten" zu Rate, vielleicht weil sie glauben, aus Mangel an Zeit, Wissen, Erfahrung oder Können ihre Pferde nicht selbst ausbilden zu können. Das ist falsch. Die hier aufgezeigten Methoden benötigen lediglich 20 Minuten pro Tag, und es sind keine besondere Ausrüstung oder Vorrichtungen notwendig. Seite 4/7 | | |
Der Experte macht sich also selbst überflüssig. Wenn das funktionieren würde, wäre es phänomenal. 20 Minuten täglich sollten wirklich drin sein. Der Autor arbeitet in drei Stufen: "Bodenarbeit", "Bodenarbeit auf Distanz" und "Verständigung unter dem Sattel":
| Die Grundlagen, dem Pferd Leichtigkeit und Selbsthaltung beizubringen, sind viel einfacher, als man denkt. Die Antwort ist in der Bodenarbeit zu finden. Indem wir vom Pferd während des Kreisens und der Arbeit an der Hand Selbsthaltung verlangen, bereiten wir es körperlich vor. Legen wir auf diese Weise eine solide und dauerhafte Grundlage, wird es dem Pferd leichtfallen, auch mit dem zusätzlichen Gewicht des Reiters, leicht in der Hand, versammelt und ausbalanciert vorwärts zu gehen. Das Ergebnis? Ein "Engelskreis" - das Pferd fühlt sich körperlich wohl und in der Lage, die ihm gestellten Aufgaben auszuführen. es haT gelernt, sofort auf minimalen Druck zu reagieren, so daß der Reiter mit den kleinsten Hilfen auskommen und das Reiten ohne störende Einwirkung genießen kann. Seite 8 | | |
Auf Seite 10 fragt der Autor: "Muß man dieses Buch wirklich lesen?" Die Antwort ist selbstredend: ja - denn "man kann von jedem etwas lernen, und wenn es nur die Bestätigung dafür ist, wie man etwas nicht machen möchte." Nun nehme ich an, daß der Autor nicht davon ausgeht, daß der Leser ihm nicht folgen möchte. Ich lese also zwischen den Zeilen und interpretiere diese Passage so, daß er sich selbst von vielen seiner Lehrer distanziert hat.
| Früher wollte ich immer den Pferden helfen, bis mir klar wurde, wie einseitig dies war. Ich konnte nicht immer allen Pferden helfen und ich tat ihnen keinen Gefallen, wenn ich sie ihren Besitzern zurückgab und die meine Methoden nicht verstanden. Also entschloß ich mich statt dessen, den Leuten dabei zu helfen, ihren Pferden zu helfen. Ich verzichtete auf den Round Pen, der zu einem so vertrauten Hilfsmittel für alle, die sich mit natürlichen Horsemanship beschäftigen, geworden ist. Ich benutze ihn einfach deshalb nicht mehr, weil die meisten Leute keinen haben. Das Einzige, daß ich heute zu meiner Arbeit benötige, ist die Intelligenz des Pferdes und das Verständnis des Reiters. Somit geht es in diesem Buch nicht nur um die Ausbildung von Pferden, es geht vielmehr darum, dem Menschen zu helfen, sein Pferd auszubilden. Seite 10 | | |
Diese Seiten sind illustriert mit wunderschönen Fotos, die zeigen, daß der Autor gut reiten kann, daß die Pferde sich wirklich selbst tragen. Hier sitzt einer im Sattel, der stolz die Ergebnisse seiner Arbeit präsentieren kann. Vielleicht um die Distanz zur Westernszene zu betonen, benutzt der Autor normale Vielseitigkeitssättel und eine normale Reitkappe; zwar trägt er eine Jeans, dazu aber bequeme Wanderschuhe. Er will sich anscheinend nicht in eine Ecke drängen lassen.
Richard Maxwell ist aber nicht nur jemand, der von prominenten Trainern gut gelernt hat. Er hat bereits als Kind viele Erfahrungen gemacht und gibt einige zum Besten. Als elfjähriger Junge hatte er Unterricht bei einem Major, der oft aufbrauste und die Kinder anbrüllte.
| Er schuf in uns den Willen, unsere Sache gut zu machen und uns das Lob, das hinter seiner auf brausenden Art steckte, zu verdienen. [...]
Eines Tages - ich weiß nicht mehr warum - setzte sich Major Cole auf eines der Schulponies, ein fauler Kerl namens Taffy. [...] Er ging nicht vorwärts und streckte immer die Nase nach oben. Mit dem Major im Sattel verwandelte sich dieses "Maultier" vor meinen Augen in das bestgerittenste Pony, das ich je gesehen hatte. Es war leicht in der Hand und ging in Selbsthaltung vorwärts. Und keiner von uns konnte irgendwelche Hilfen des Majors erkennen; es war wie ein Zauber und wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Das war meine erste Lektion der "Weniger-ist-mehr-Schule", nach der ich mich heute auszurichten versuche. Seite 12/13 | | |
Auf Seite 27 fand ich unter der Überschrift "Seien Sie ein passiver Anführer" eine interessante Erörterung, die ich so noch nirgendwo gefunden habe, die aber mit meinen Beobachtungen vollständig übereinstimmt. Mehrmals habe ich ein Loblied auf eine Hessenstute namens Cara angestimmt, die ich als typische "passive Anführerin" wiedererkenne:
| In einer Herde gibt es zwei Arten von Leittieren - das Alpha-Leittier, das sich durch Dominanz durchsetzt, und das passive Leittier, das durch sein Verhalten ein Beispiel setzt. Die passiven Anführer werden für gewöhnlich von anderen Herdenmitglieder erwählt und man folgt ihnen willig, während die Alphaführer ihren Platz in der Herde mit Gewalt erobern. Passive Führer sind in ihrem alltäglichen Verhalten ruhig und beständig und müssen ihre Position in der Herde nicht andauernd behaupten. Alphaführer andererseits sind oftmals sehr aggressiv und greifen mitunter rangniedrigere Herdenmitglieder grundlos an, nur um ihre Dominanz zu zeigen. Dieses Verhalten führt dazu, daß die meisten Pferde in der Herde jeglichen Kontakt mit dem Alpha Tier vermeiden, denn Pferde sind so konzipiert, daß sie ihre alltäglichen Aktivitäten möglichst energiesparend verrichten, falls sie wirklich einmal um ihr Leben rennen müssen. Indem sie dem passiven Führer folgen, der am wenigsten Energie verbraucht (und somit die anderen Pferde nicht ständig zwingt, ebenfalls Energie zu verbrauchen) sichern sie sich ihr Überleben.
Den passiven Anführern kam ihre Position in der Herde zu, indem sie den anderen Pferden gezeigt haben, daß auf ihr passives Verhalten jeden Tag Verlaß ist. Auf diese Verhaltensweise sollten wir unser Training aufbauen, mit dem Ziel, von unserem Pferd als passiver Anführer anerkannt zu werden. | | |
Je länger ich in dem Buch lese, desto lesenswerte finde ich es. Aufgrund der Angaben des Verlags war mein Interesse nur mäßig, aber jetzt weiß ich die Abbildungen des Umschlags besser einzuschätzen. Auf der Rückseite läßt er sein Pferd frei springen, und ich dachte: na ja, wer kann solche Aufnahmen nicht produzieren? Aber auf der Vorderseite springt Richard Maxwell ohne Zügel und Zaumzeug über ein ganz normales Hindernis. Auf Seite 112 finde ich ein weiteres Foto, das dem auf dem Umschlag ganz ähnlich sieht und noch viel besser wirkt, weil das Gesicht des Reiters zu erkennen ist. Auf Seite 111 sehen wir die beiden im Galopp; das Pferd schaut wach und zufrieden in die Kamera. Auf Seite 110 würdigt der Reiter diese Leistung:
| Perfektes Verständnis der Hilfen führt zu Harmonie
Wenn es für das Pferd vollkommen selbstverständlich geworden ist, Aufdruck nachzugeben, spielt es keine Rolle, woher der Druck kommt. Also entfernen wir alle spürbare Verbindungen zum Pferdekopf, um zu sehen, was passiert. Ein einfacher Halsriemen genügt, um so viel Druck wie nötig auszuüben, um das Pferd zu lenken, anzuhalten, antreten zu lassen, zu wenden und rückwärts zu richten. Man beachte, daß Pelo in Anlehnung geht und völlig ausbalanciert, kontrolliert und schwungvoll vorwärts tritt - und das ohne Trense! Das ist eine wirkliche Bestätigung für mein vorangegangen es Training. Wir sehen ein Pferd, das sich korrekt selbst trägt, was es in monatelang am Bodenarbeit ohne Reiter gelernt hat. | | |
Diese Entwicklung ist umso erstaunlicher, wenn man sich die Geschichte dieses Pferdes vergegenwärtigt:
| Pelo kam als Problempferd zu mir. Er war allem gegenüber äußerst mißtrauisch und ließ sich kein Gebiß ins Maul legen; warf sich lieber auf den Boden, als zu tun, was man von ihm wollte. Pelos heutiges Verhalten ist das Resultat von drei Jahren Arbeit: Von ihm habe ich mehr als von jedem anderen Pferd gelernt. Der Erfolg mit ihm hat in mir den Glauben an meine Methoden bekräftigt. Wenn sie bei einem so schwierigen und mißtrauischen Tier, wie Pelo es war, funktionieren, haben sie auch bei den meisten anderen Pferden Erfolg! Es zeigt auch, daß man Probleme nicht über Nacht lösen kann, meistens führen Zeit und Geduld zum Erfolg. Seite 108 | | |
Der Autor zeigt in diesem Buch nicht nur sein dreistufiges System; der letzte Teil beschäftigt sich mit Problemen und Problempferden und bietet Lösungen an.
- Mein Pferd ... ist gegen den Schenkel abgestumpft
- Mein Pferd ... ist sehr schreckhaft
- Mein Pferd ... liegt schwer auf der Hand
- Mein Pferd ... geht durch
- Mein Pferd ... ist einseitig
- Mein Pferd ... benimmt sich auf Turnieren schlecht
- Mein Pferd ... regt sich beim Springen auf
- Mein Pferd ... klebt
- Mein Pferd ... verkriecht sich hinter dem Zügel
- Mein Pferd ... geht auf der Vorhand
- Mein Pferd ... ist schief
- Mein Pferd ... macht sich im Kiefer und Genick fest
- Mein Pferd ... buckelt und ist übermütig
- Mein Pferd ... läßt sich nur schwer auf der Koppel einfangen
- Mein Pferd ... ist im Stall gestreßt
- Mein Pferd ... wird durch Veränderungen aus der Fassung gebracht
Seite 128-147
| Man sieht: der Autor beschäftigt sich mit ganz normalen Schwierigkeiten. Im Laufe der Lektüre wurde er mir immer sympathischer. Die eingangs geäußerte Erwartung, daß der Gewinn dieses Buches vielleicht lediglich darin bestehen könnte, sich in dem bestätigt zu sehen, was man nicht machen möchte, ist absolut tiefgestapelt. Sein Schlußwort macht schließlich deutlich, daß er sich selbst immer noch als Lernenden sieht und neugierig ist auf das, was aus ihm noch werden kann:
| | [...] möchte ich gerne mehr Zeit für meine Weiterbildung verwenden - insbesondere was meine Reiterei betrifft. Ich möchte mich näher mit der klassischen Reiterei beschäftigen und herausfinden, wie ich diese mit meiner eigenen Trainingsphilosophie in Einklang bringen kann. Außerdem würde eine Verbesserung meines Sitzes und meiner Balance wahrscheinlich allen Bereichen der Reiterei zugute kommen - besonders auch dem Springen. [...] Zuguterletzt würde ich sehr gerne mehr Zeit für Nosey (King's Copy) haben, dem Hengst, der von Cathy Hedges zu mir kam. Er hat sich in den letzten zwölf Monaten wirklich verändert und obwohl er jetzt bereits fünf Jahre bei mir ist, habe ich jetzt das Gefühl, daß er mich auf sich reiten lassen würde - auch wenn es ohne Sattel ist. Mein Traum ist einmal eine Dressurkür ohne Sattel und ohne Trense zu reiten. | | |
Obwohl der Titel des Buches reichlich reißerisch klingt, muß man ihn wohl absolut ernstnehmen. Und auch die Bilder auf dem Rückentitel sind anders zu verstehen, als ich das ursprünglich angenommen hatte. Diese Bilder illustrieren die Aufforderung:
| Nehmen Sie sich die Zeit, Ihr Pferd zu beobachten - bei der Arbeit und auf der Koppel - um herauszufinden, was ihm am meisten Spaß macht. Dadurch erhalten Sie auch Anhaltspunkte dafür, wie Sie es belohnen können. Seite 120 | | |
Ich bin fest davon überzeugt, daß jeder Pferdefreund in diesem Buch so viele Goldkörnchen finden wird, daß sich der Preis und die Energie und die Zeit für die Lektüre (alle drei Faktoren sind zu berücksichtigen) reichlich lohnen. Angesichts der Schwierigkeiten, von denen Eberhard Hübener so beredt schreibt und die ihn ein ganzes Pferdeleben lang beschäftigt haben, möchte ich dieses Buch insbesondere denjenigen empfehlen, die sich mehr oder weniger verzweifelt mit den offiziellen Reitlehren herumschlagen. Man darf auf die weitere Entwicklung dieses Lehrers gespannt sein.
erschienen 12.12.04
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