
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Einmal etwas völlig anderes: ein Roman. Die › Leseprobe gibt einen sehr guten Eindruck, ebenso wie der Klappentext. Es ist viel von Gerüchen die Rede, denn die Großmutter, neben der der Held des Romans, Nefo, schläft, sieht gar nicht mehr gut und orientiert sich überwiegend über die Nase. Diese Großmutter ist gewissermaßen die Hauptfigur, denn sie ist es, die sich noch an die Zeit vor der Flucht erinnert und diese immer wieder heraufbeschwört.
Wer sind diese Tscherkessen, die vor den Russen in die Türkei flüchten mußten? Auch von Kabardinern ist die Rede. Die Emigranten bezeichnen sich als Pferdevolk. Sie kommen aus dem Kaukasus. War da nicht etwas?
Auf der Suche nach Hintergrundinformationen bin ich auf die Seite des » Tscherkessischen Kulturvereins Köln e.V. gestoßen, der das Buch positiv beurteilt hat: » Der letzte Tscherkesse - Öner , Cetin. In dieser Besprechung wird die Geschichte sogar als wahr bezeichnet. Wie dem auch sei: Der nicht namentlich genannte Rezensent wird die Geschichte als wahr empfunden haben. Sie ist demnach authentisch, kann für wahr gehalten werden.
Die Seiten des Tscherkessischen Kulturvereins bieten naturgemäß Hintergrundinformationen über die Tscherkessen an (» Tscherkessen); zunächst war ich verwirrt, weil nach dem Anklicken des entsprechenden Menüeintrags eine leere Seite erschien. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, daß ich einen der Untereinträge anzuklicken hatte.
Die Wikipedia hat ebenfalls Informationen über die Tscherkessen anzubieten; schnell fand ich heraus, daß diese ohne Veränderung von den Seiten des Kulturvereins übernommen worden sind: » Tscherkessen. Dort hat man alle Informationen auf einer Seite zusammengefaßt, weshalb ich mich schneller orientieren konnte. Andererseits enthalten die Seiten des Kulturvereins zusätzlicher Abbildungen, die bei der Wikipedia (bisher) nicht enthalten sind. Die Wikipedia hat sogar den Namen des Autors dieser Informationen übernommen: Irfan Genel. Irfan? Hm, dieser Name ist mit » IrfanView, einem kostenlosen Grafikprogramm, das nach seinem Autor benannt ist, bekannt und berühmt geworden.
Nun weiß ich, wie es sich mit den Tscherkessen und den Kabardinern verhält: Es ist dasselbe Volk, oder genauer: es sind unterschiedliche Stämme. Im Zusammenhang mit dem gleichnamigen Pferden habe ich über die Kabardiner und die Karatschaever oder Karatschaier berichtet: › Hilfe, welche Rasse?, Die Pferde aus dem Kaukasus, und › Aus den Bergen kommen wir, Vielfalt der kaukasischen Rassen. Dort war schon die Rede davon, wie eng die Bergvölker mit ihren Pferden verbunden sind.
Die tragische Geschichte der Karatschaier, die von Stalin ausgerottet werden sollten, habe ich dort erwähnt. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden kurzerhand die gleichnamigen Pferde abgeschafft, zumindest auf dem Papier. Die Verfolgungen, auf die sich das Buch bezieht, liegen jedoch viel länger zurück. Es waren die russischen Zaren, die die Familien vertrieben haben, über die der Autor berichtet.
Da das ganze Buch aus der Erzählperspektive des Knaben geschrieben ist, findet man wenig Faktisches. Zwar ist ständig von Pferden die Rede, es kommen auch durchaus Pferde vor, aber meistens handelt es sich um die Phantasiewelt des Kindes, das sich als Pferd empfindet, genauer als Fohlen, und wenn tatsächlich einmal ein echtes Pferd vorkommt, dann wird die Szene wie durch einen Filter geschildert, eben den Filter der kindlichen Wahrnehmung:
| [...] Wohl oder übel rannte ich los, holte den Mann ein, noch bevor er abgestiegen war und baute mich vor ihm auf. Verwundert sah er mich an. "Was soll das?", schimpfte er, "warum versperrst du mir den Weg? Wer bist du überhaupt?" Ich nannte ihm meinen Vornamen, meinen Familiennamen. "Würden Sie bitte unser Gast sein?", fragte ich. Die Stirnfalten des Mannes glätteten sich, und er lächelte. Dann beugte sich herab, streichelte meinen Kopf, streifte den Steigbügel ab, streckte ihn mir hin und sagte: "Spring auf!" Mit einem Satz schwang ich mich hinter den Sattel. "Sag mir, wohin!" "Reite links herum und halte dort hinten vor dem weißen Konak!" Der Mann ritt im langsamen Schritt weiter, von unserem Haus zügelte er das Pferd. Kaum daß er stand, sprang ich ab, ergriff die Zügel, und der Mann schwang sich aus dem Sattel. "Wo kann ich meine Sachen abstellen?" "Unters Vordach." Während ich sein Pferd hielt, hob er die Sachen und das Werkzeug vom Muli und stapelte alles unter das Vordach. Dann kam er zu mir und fragte: "Kannst du Pferd und Muli zur Tränke bringen?" Mit einem Satz saß ich auf dem Pferd. Er drückte mir das Halfter vom Muli in die Hand, und ich machte mich auf den Weg zum Brunnen. Als ich mit den Tieren von der Tränke zurückkam, saß der Mann unter dem belaubten Vordach und aß. Ich führte die Tiere in den Stall und gab ihnen Futter. Als ich zurückkam, packte der Mann sein Eßgeschirr ein. [...] Seite 67/68 | | |
Das Buch ist bereits vor zwanzig Jahren geschrieben worden, aber erst in diesem Jahr auf Deutsch erschienen. Die Kinder, die in diesem Buch beschrieben werden, sprechen noch ihre eigene Sprache und müssen mühsam das Türkische lernen. Die schmerzliche Erinnerung der Großmutter erfahren die Enkel aber aus zweiter Hand. Die alten Geschichten bleiben lebendig, die Erfahrung hingegen bezieht sich notgedrungen auf das Exil, daß auf Dauer unvermeidbar zu einer neuen Heimat werden muß.
| Im 19.Jahrhundert nach Ende der russisch-kaukasischen Kriege, wurden etwa 750.00 Nordkaukasier in das damalige Osmanische Reich zwangsumgesiedelt. In das Gebiet der Tscherkessen wurden Russen aus dem Landesinneren des russischen Reiches angesiedelt. Heute lebt die Mehrheit der Tscherkessen außerhalb des Kaukasus. In der Türkei etwa 1,5 Mio., in Syrien 80.000, in Jordanien 40.000, in der EU 10.000, in Israel 3000 und etwa 1000 in den USA. Im Kaukasus ist eine Minderheit verblieben, die in drei verschiedenen autonomen Republiken leben. In Adygeja, von 480.000 Einwohnern sind nur etwa 130.000 Tscherkessen. In der autonomen Republik Karatschai-Tscherkessien, von etwa 422.000 Einwohnern sind nur 50.000 Tscherkessen. In der autonomen Republik Kabardino-Balkarien, von 800.000 Einwohnern sind etwa 390.000 Tscherkessen und weitere 10.000 Tscherkessen leben in der Umgebung der Stadt Tuapse an der Schwarzmeer Küste. Bis auf in Kabardino-Balkarien sind die Tscherkessen in ihrer eigenen Heimat Minderheiten. Die Republiken wurden in den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts nach Willkür gegründet. Natürlich entsprechen sie nicht dem ursprünglichen Siedlungsgebiet der Tscherkessen. Durch die verschiedene Namensgebung der jeweiligen Republiken, erweckt es oft den Anschein, dass es sich bei den begriffen Adygejer, Tscherkessen und Kabardiner um drei verschiedene Völker handelt. Alle drei Begriffe bezeichnen im Grunde ein und dasselbe Volk. Der Begriff "Tscherkessen" wird häufig in Europa benutzt. Die Tscherkessen selber nennen sich jedoch "Adyge" und die Kabardiner sind ein Stamm der Adyge und somit auch Tscherkessen oder Adygejer. » Tscherkessen | | |
Wer dieses Buch liest, wird ein Verständnis dafür entwickeln, wie sich ein Volk fühlt, das aus seiner Heimat vertrieben wurde und keine Hoffnung haben darf, die alten Verhältnisse jemals wiederherstellen zu können. Er wird den Ausländern mehr Verständnis entgegenbringen und nachfühlen können, wie diese sich in der Fremde, unter uns Deutschen, fühlen, und warum sie die Verbundenheit zu ihrer Herkunft pflegen müssen. Dieses Buch muß allen Tscherkessen lieb und teuer sein.
Es ist in einem Verlag erschienen, der ausschließlich türkische Autoren bringt. Der Autor wird also als Türke angesehen. Aus dem Buch geht nicht hervor, daß er tscherkessischer Abstammung ist. Die zusätzliche Information des Verlags läßt daran aber keinen Zweifel. Der tscherkessische Rezensent des Kulturvereins mag noch mehr Informationen haben. Wenn er dieses Buch als wahr bezeichnet, dann mag es sich um die romanhafte Schilderung der Jugend des Autors handeln. Aber das ist reine Spekulation.
Daß die Tscherkessen von heute sich noch als Pferdevolk bezeichnen, glaube ich nicht. Wer kann heute noch so mit Pferden leben, wie die Tscherkessen, von denen die Großmutter erzählt? Das können allenfalls die Tscherkessen, die noch im Kaukasus leben und versuchen, ihre Pferde am Leben zu erhalten. Aber auch dort werden sich die Zeiten allmählich ändern. Die Zeit der großen Reitervölker neigt sich dem Ende zu. Die Tscherkessen des Exils müssen sich ihren Heimatländern anpassen.

| | | Tscherkessischer Kulturvereins Köln e.V. | | | | | Halten die Tscherkessen des Kölner Kulturvereins selber Pferde? Das Logo der Web-Seite vereint herausragende architektonische Schmuckstücke Kölns mit schneebedeckten Bergen, die zweifellos im Kaukasus liegen. Ein tanzendes Paar in charakteristischer Tracht symbolisiert die Tscherkessen. Pferde kommen hier nicht vor.
Auf der rechten Seite findet sich ein galoppierender Rappe vor schneebedeckten Bergen. Es ist ein Link, und wenn man dem folgt, werden drei weitere Links angeboten: » Kabardiner Pferde, » Bedeutung der Kabardiner und » Brandzeichen der besten Kabardiner Rassen. Der erste Artikel ist von Tobias Knoll, der auch in der Pferdezeitung die Kabardiner vorgestellt hat: › Ich und Kabardiner, Warum eigentlich?
In diesem Artikel verwendet er zwei Fotos seines Hengstes Edil, die Ramona Dünisch geschossen hat; eines davon zeigt den Rappen in vollem Galopp. Diese Aufnahme hat Eingang in die Fotomontage gefunden, die der Verein als Link für die Kabardiner anbietet. Ein deutscher Enthusiast mußte also aushelfen. Ich schließe daraus, daß die Exil-Tscherkessen in Deutschland keine Pferde halten.
Tobias Knoll hat für diesen Artikel die Reproduktion eines Gemäldes von 1862 ausgegraben, das Tscherkessen zu Pferd auf einer halsbrecherischem Tour im Hochgebirge zeigt. Dieses Bild, wenn es denn authentisch ist und nicht etwa nur der Phantasie des Malers Theodor Horschelt entsprungen ist, vermittelt einen Begriff von den Anforderungen, die an Pferde in dieser Gegend gestellt worden sind. Für den Roman ist das alles blasser Hintergrund, Erinnerung der Großelterngeneration, Vergangenheit. Nicht einmal die Berge in der Türkei können den Vergleich aushalten.
Das Buch endet so:
| Auf einmal sah ich Opa Damis neben mir herlaufen. Er war halb Pferd, halb Mensch. Mutter saß rittlings auf seinem Rücken. Dann tauchten die halbwilden Pferde auf; grau, braun und fuchsrot. Gemeinsam stürmten wir auf den Regenbogen zu. Das Trommeln unserer funkenschlagenden Hufe hallte von den Bergen wider. Und der Regenbogen glitt in immer weitere Ferne. Und ich hielt mich in jenen Tagen für ein Zelterfohlen. | | |
erschienen 19.12.04
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