|  | Dr. Ernst Burandt Geschf. Abtl. LP HDP seit 1958 Generalsekretär FN 1971-91 |  |  |  |
| Es geht in dieser Serie um den 100. Geburtstag der FN. Aber die FN, so wie wir sie heute kennen, als starken Zentralverband, gab es nicht von Anfang an. Wir haben nachvollzogen, wie die verschiedensten Verbände sich immer wieder neu gründeten, zusammenschlossen, umdefinierten, und dabei natürlich auch von den unterschiedlichsten Persönlichkeiten gehört, die wichtige Impulse gegeben und bedeutende Rollen ausgefüllt haben. Mitte der sechziger Jahre entstand nun die Organisationsstruktur, wie wir sie heute kennen. Das war allerdings ein weiter Weg. Es lohnt sich, die Entwicklung nachzuzeichnen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Situation verständlicherweise chaotisch. Die Nationalsozialisten hatten ihren Teil dazu beigetragen, die nach dem Ersten Weltkrieg gewachsenen Strukturen zu zerschlagen. Nun war auch der Staat am Ende, die Siegermächte organisierten das politische Leben neu. Verständlicherweise entwickelte sich das Verbands- und Vereinsleben zunächst in den einzelnen Besatzungszonen. Ziemlich schnell kam es dann zu Zusammenschlüssen parallel zu den staatlichen Entwicklungen. Westdeutschland war von Ostdeutschland geschieden.
Wir hatten in der letzten beiden Wochen den dramatischen Rückgang der Pferdebestände Ende der fünfziger Jahre gewürdigt, der die etablierten Strukturen bedrohte. Die herkömmlichen Abnehmer der Pferdezucht hatten sich den Maschinen zugewandt, eine Entwicklung, die Gustav Rau Anfang der fünfziger Jahre noch nicht wahrhaben wollte. Zehn Jahre später waren die schlimmsten Befürchtungen Realität geworden.
Pferde haben keine Existenzberechtigung mehr, wenn niemand sie haben will und braucht. Es gab nur noch eine Abnehmergruppe: die Sportler. Entgegen dem sonstigen Trend wuchs der Bedarf an guten Sportpferden sehr schnell. Es war unvermeidlich, daß die Pferdezucht sich auf diese Entwicklung einstellte und erstmals in ihrer Geschichte ein Sportpferd züchten wollte. Noch 50 Jahre vorher hatte man allenfalls Militärpferde gezüchtet, mit denen man auch Sport treiben konnte.
Die führende Kraft hinter der Entwicklung zum Zusammenschluß war der Hauptverband für Zucht und Prüfung deutscher Pferde. Verständlich, denn dort waren die Probleme am ehesten und leichtesten zu erkennen. Die Vielfalt an Organisationen und Zuständigkeiten erwies sich im Laufe der Jahre als Problem; in einem Interview erklärte der spätere Generalsekretär der FN die Strukturen:
| Dr. Ernst Burandt: Die Hauptgeschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft für Zucht und Prüfung deutscher Pferde (ADP) wurde 1952 von Celle nach Bonn verlegt und zwar auf Drängen der Zuchtverbände, die bei der Bundesregierung ihre Vertretung haben wollten. Im Haus der Tierzucht konnte sich eine umfangreiche hauptamtliche Lobby der deutschen Tierzucht austauschen und gegenseitig unterstützen. Das war wichtig und hat sich auch finanziell später ausgewirkt, als sich der Bund bereiterklärte, wieder "Standsprämien" zu zahlen wenn sich die Länder entsprechend beteiligen. Der Zentralverband war ein Zuchtverband; dort hatten die Zuchtverbände rund 90 Prozent aller Stimmen, wie auch früher im Reichsverband für Zucht und Prüfung deutschen Warmbluts.
In Bonn gab es die Hauptgeschäftsstelle mit den Abteilungen Zucht und den "Persönlichen Mitgliedern" unter Leitung des Hauptgeschäftsführers Dr. Kurt Volkmann und in Warendorf eine weitere Geschäftsstelle unter Leitung von Landstallmeister Alfons Schulze Dieckhoff, dem Geschäftsführer der Abteilung für Leistungsprüfung und des DOKR. Er übernahm zusätzlich 1959 die Geschäftsleitung der neu gegründeten Deutschen Reitschule. Mit der dadurch sehr engen Verbindung zum DOKR wollte man an die Erfolge der Kavallerieschule anknüpfen und die Disziplinställe mit der Reitlehrerausbildung verknüpfen. [...]
Die Aufgaben der Abteilung für Leistung Prüfung waren in der HDP-Satzung und in der LPO festgelegt. Sie war praktisch die "oberste Behörde", aber nur zuständig für die Prüfungen der Kategorie A. Der Sektor B lag damals im Zuständigkeitsbereich der Landeskommissionen. Alles lief reibungslos. Sonderwünsche der Veranstalter und Probleme wurden entweder von Alfons Schulze Dieckhoff oder mir entschieden, häufig aber erst nach Anhörung der Leiter der Disziplinställe, also mit Hans Günter Winkler/Springen, General Horst Niemack/Dressur und General Wilhelm Viebig/Vielseitigkeit. Niemack war besonders wichtig als Vorsitzender der Deutschen Richtervereinigung für Pferdeleistungsprüfungen. Man sah sich täglich, die Koordination war einfach. [...]
Für das internationale Geschäft war das "Komitee der Deutschen Reiterlichen Vereinigung" zuständig, ein Gremium zwischen HDP und DOKR. Graf Rothkirch und Dr. Volkmann waren unsere FEI-Delegierten. Beide hatten ein ausgezeichnetes Verhältnis zu den maßgeblichen Persönlichkeiten dort. In der Zeit unterentwickelt war allerdings die Mitbestimmung der Aktiven. Es gab sie im Grunde nicht. Einige Probleme der damaligen Zeit waren unter anderem im Springen der Modus der Deutschen Meisterschaft, in der Dressur die Diskussion um das gemeinsame oder getrennte Richtverfahren und in der Vielseitigkeit die Frage nach Geländestrecken. Im Fahren hingegen gab es kaum Probleme. [...]
Der HDP konnte als Zuchtverband nicht Mitglied im DSB werden. Ich übernahm 1959 die Geschäftsführung des Verbandes der Reit- und Fahrvereine. Hier wurde man nicht durch die LPO und Satzungen eingeengt, sondern konnte jegliche Initiative entfalten. Aus dem Selbsthilfefonds des DSB und öffentlichen Mitteln des Bundesinnenministeriums wurden viele Sportfördermaßnahmen, Aus- und Fortbildungslehrgänge sowie der erste nebenamtlich tätige Bundestrainer - das war Max Habel - finanziert. Schon 1959 als erster Beitrag zur Förderung des Freizeit- und Breitensports erschien der Reiseführer "Wandern zu Pferde". a.a.O., Seite 180 | | |
Obwohl also Vieles reibungslos lief, gab es doch enorme Schwierigkeiten im einzelnen.
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