| Gut zehn Jahre hat es gedauert, bis Sie die Früchte Ihrer Arbeit ernten konnten. Die Sensation war perfekt, als Nicole Uphoff mit Rembrandt in Seoul 1988 die Goldmedaille gewann. Sie waren an dem Erfolg ursächlich beteiligt...
Als ich Rembrandt zum ersten Mal sah, war er frech, kletterte die Bande hoch. Reiner Klimke wollte ihn kaufen, nahm dann aber Abstand von dem Pferd. Daß Rembrandt seinen Ausbilder Fritz Tempelmann im hohen Bogen in den Dreck schmiß und sich Tempelmann dabei ein Bein brach, leitete eine neue Ära ein. So bedauerlich der Unfall auch war, im Grunde kann man ihn als großen Glücksfall für das Pferd und Nicole bezeichnen. Rembrandt galt in den Augen vieler als für den Dressursport unbrauchbar. Aber ich habe fest an dieses Pferd geglaubt. Zwei Monate lang habe ich Dr. Uwe Schulten-Baumer überreden müssen, ihn in Ausbildung zu nehmen. Schulten-Baumer hat das beinah Unmögliche möglich gemacht. Ohne diesen Ausbilder hätten wir Rembrandt niemals im Sport gesehen.
Hat der Boom nach Seoul und das erwachte Interesse an der Dressur den Sport beeinflußt?
Nein, der Dressurausschuß hat die Regeln aufgestellt und war immer in der Lage, den Reitern vorzuschreiben, was sie machen und was sie lassen sollten. Nicht zuletzt deshalb haben all die guten Championatspferde so lange gehalten. Im Grunde haben wir nach den Championaten ein inoffizielles Startverbot für die Hallensaison ausgesprochen, von wenigen Ausnahmen wie das Stuttgarter Turnier abgesehen. Die besten Pferde sollten Pause haben. Ob und wie häufig die Reiter mit ihren Zweit- und Drittpferden starten, das war mir egal.
Der Dressursport war moderner, jünger, medienwirksamer geworden. Welche Auswirkungen hatte dies auf das Reiten und das Richten?
Veränderungen zeichneten sich schon in den frühen achtziger Jahren ab. Vorher war noch das korrekte Reiten, basierend auf der klassischen Lehre, am wichtigsten und wurde entsprechend hoch bewertet. Mehmed beispielsweise war von seinem Gebäude her kaum in der Lage, eine gute Piaffe und Passage zu zeigen. Aber es hat gereicht, er wurde 1974 mit Reiner Klimke Weltmeister, weil der Reiter ihn so perfekt vorstellte. Im Laufe der Zeit wurde immer mehr Wert auf sauber gerittene Lektionen gelegt. Das war auch verständlich, weil die Pferde moderner geworden waren. Sie brachten alles mit, ein mehr oder weniger perfektes Gebäude und gute Grundgangarten. Ein anderes Beispiel aus den sechziger und frühen siebziger Jahren: Damals war es erlaubt, daß die Trainer die Pferde abritten. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie lange die Ausbilder die Pferde auf dem Abreiteplatz arbeiteten, ehe die Reiter in den Sattel stiegen und zur Prüfung einritten. Das wäre heute undenkbar. Diese Dressursportler hätten heute keine Chance mehr.
Das Reglement erfuhr auch Änderungen. Beispielsweise wurde die Kür bei Olympischen Spielen und Meisterschaften eingeführt...
Die Kür-Diskussion war in der Anfangsphase mehr als ärgerlich. Der Schweizer Wolfgang Niggli, Vorsitzender des FEI-Dressurausschusses, hat sie quasi durch die Hintertür durchgesetzt und uns weisgemacht, das Internationale Olympische Komitee wolle sie, um die olympische Dressur attraktiver zu gestalten. Das war eindeutig nicht wahr, dem IOC war das herzlich egal, wer die Entscheidung fällt. Aber die Diskussion war nicht mehr aufzuhalten. Ich war strikt dagegen, daß die Kür der Ermittlung des Siegers dient. Wir haben dann eine Regelung gefunden, mit der wir leben konnten, daß nämlich Grand Prix, Special und Kür gleich gewichtet werden und derjenige gewinnt, der am Ende die höchste Punktzahl erreicht hat. Inzwischen hat sich die Kür bewährt. Publikumswirksamer ist diese Prüfung allemal.
Was spricht Ihrer Ansicht nach gegen die Kür?
Die Kür ist keine Prüfung, die wirklich Vergleiche ermöglicht. Sie läßt Manipulationen zu, kann Stärken eines Pferdes überbetonen und Schwachstellen verdecken. Insofern muß der Kür immer eine objektivierbarere, standardisierte Prüfung wie der Grand Prix vorangehen. Mit dem Kür-Boom entstand ein neues Problem. Die Küren werden von Profis mit großem technischen Aufwand erstellt, es reicht längst nicht mehr aus, zu Hause ein paar Melodien mit dem Tonband zusammenzuschneiden. Die Profi-Küren sind teuer und nutzen sich schnell ab. Wo soll das hinführen, wenn heute schon im L- und M-Bereich ehrgeizige Reiter 10.000 EUR für eine Kür ausgeben? Ich halte es für völlig überzogen, auf fast jedem Turnier eine Kür auszuschreiben. Der Dressursport muß aufpassen, daß er nicht mehr und mehr zur Show verkommt. a.a.O., Seite 200/201 | | |
Auf der offiziellen Internet-Seite von Nicole Uphoff wird eine Biographie angeboten, die Dr. Schulten-Baumer mit keinem Wort erwähnt - Anton Fischer natürlich auch nicht (» Nicole Uphoff · Biographie Teil 1, » Nicole Uphoff · Biographie Teil 2). Merkwürdig. Das sieht doch so aus, als sei da ebenfalls etwas vorgefallen, über das man nicht mehr reden möchte. Schade, aber vermutlich geht es uns nichts an. Wir nehmen es zur Kenntnis.
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