| Sie waren siebzehn Jahre lang Bundestrainer des Springreiternachwuchses. Wie haben Sie die Anfangsjahre erlebt? Ich habe als Trainer viele Kinder und Jugendliche reicher Eltern betreut. Es gab etliche gute Pferde, aber die meisten Reiter hatten keine Grundausbildung. Dressurarbeit war für viele ein Fremdwort. Welche Maßnahmen zur Förderung der Springsports führten zum Erfolg? Zum einen haben die Springpferdeprüfungen das bessere Reiten maßgeblich gefördert. Sie waren ein Segen für die Reiterei. Zum anderen hat sich auch der Parcoursaufbau gewandelt. Die Parcours waren technischer geworden, sie erforderten exakteres Reiten. Früher gab es doch eigentlich gar keine Distanzen. Die Parcours bestanden nur aus Einzelsprüngen und Kombinationen, ohne knifflige Linien oder verschiedene Distanzen. Wann kam der Umschwung? Heute kann der deutsche Springsport auf eine Vielzahl hochtalentierter guter junger Reiter zurückgreifen. Es hat sehr lange gedauert, eine reiterlichen Basis zu schaffen. Nach den Olympischen Spielen von Los Angeles formierten wir eine ganz neue Mannschaft. Zu der Zeit beherrschten die Amerikaner unseren Sport, sie ritten stilistisch einfach perfekt. Mit Ludger Beerbaum und Franke Sloothaak brach dann eine neue Ära im deutschen Springsport an. Wir entwarfen neue Prüfungen für Nachwuchsreiter, in denen neben dem stilistisch guten Reiten auch die Rittigkeit der Pferde und das Distanzgefühl der Reiter verlangt wird. Wenn das richtige System mit Ausbildung, individueller Förderung und Lenkung einmal gegriffen hat, läuft es wie von selbst. Schauen wir uns die vielen Nachwuchsreiter der neunziger Jahre an: Marcus Ehning und Christian Ahlmann, um nur zwei zu nennen, haben ihren Platz im Sport gefunden. Würden Sie sagen, das Ziel ist erreicht? Wird die Reiterjugend im Springen richtig ausgebildet? An der Spitze haben wir unzweifelhaft hervorragende Leute, aber an der Basis gibt es Probleme. In fast allen Springprüfungen der unteren Klassen sieht man zu viele schlechte Ritte. Die Ausbildung der Reitlehrer, sowohl der Berufs- als auch der Amateurlehrkräfte, darf nicht vernachlässigt werden. Dressur- und Springausbildung müssen Hand in Hand gehen. Wenn man an der Basis besseren Sport sehen will, müssen die Ausbilder qualifiziert werden. Da sehe ich großen Handlungsbedarf. a.a.O., Seite 204/205 | | | Den Mangel an qualifizierter Ausbildung hat man anscheinend bis heute nicht wirklich beseitigen können. Im letzten Jahr hat die FN eine neue Initiative zur Hebung des Ausbildungsniveaus gestartet. Die Bücher sind nach wie vor voll von Klagen über ungenügenden und unangemessenen Reitunterricht. Neben der offiziellen Szene gibt es inzwischen sehr viele Ausbilder, die diesem Mangel abhelfen wollen. So hat z. B. Claus Penquitt, um nur einen zu nennen, seine eigene Schule gegründet. Freilich geht es diesen Ausbildern in der Regel nicht um den Sport. Der Sport ist nach wie vor die Domäne der FN - jedenfalls soweit es die klassischen olympischen Disziplinen betrifft. Inzwischen ist der Westernsport, genauer das Reining, offizielle FEI-Disziplin, und dafür ist die FN eigentlich nicht unmittelbar zuständig, sondern die verschiedenen Westernverbände, die sich in der vergangenen Woche zum zweiten Mal in Bad Salzuflen zur EWU-Meisterschaft "German Open" und zur Deutschen FN-Meisterschaft Reining Junior und Senior getroffen haben. Es ist zur Zeit unwahrscheinlich, daß die FN hier komplett das Ruder übernehmen könnte, obwohl die offizielle Anerkennung der FN natürlich auch eine entsprechende Abhängigkeit von der FN mit sich bringt. Die FN bestimmt zum Beispiel, wer in den Kader aufgenommen wird. Ob die Westernreiter auf lange Sicht glücklich werden, wird sich herausstellen. Im Moment ist man jedenfalls sehr stolz darauf, von FEI und FN anerkannt zu sein. Diese Anbiederung entbehrt nicht eine gewisse Konsequenz - der sportliche Ehrgeiz ist derselbe, lediglich die Mittel und die Ausführung unterscheiden sich. Ein Teil der ehemaligen Freizeitreiter hat es also geschafft, in den Kreis der sportlichen Elite aufgenommen zu werden.
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