
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Der Titel des Buches mag Rätsel aufgeben. GHP - wissen Sie, wofür die drei Buchstaben stehen? Immerhin handelt es sich um eine Arbeitsbuch. Der Untertitel weist den Weg zum Ziel: Dem gelassenen Pferd. Was ist ein gelassenes Pferd? Und warum muß man dafür arbeiten?
Weil man die GHP bestehen will. GHP steht nämlich für Gelassenheitsprüfung. Eine Prüfung - hurra! Prüfungen sind echt cool. Davon kann man nie genug kriegen. Leider ist man ja so schnell aus der Schule raus, und auch die Berufsausbildung hat man im Nu hinter sich. Und dann? Gähnende Langeweile! Wie gut, daß es die FN gibt! Die organisiert Tausende von Turnieren im Jahr, an jedem Wochenende kann man sich ohne großen Aufwand FN-prüfen lassen. Jetzt also auch im FN-Schulfach "Gelassenheit".
Seit wann? Im Jahre 2002 fand die erste FN-Gelassenheitsprüfung auf der Eurocheval statt. Die FN resümierte damals:
| Auf der Eurocheval kam das neue Wettbewerbsangebot also gut an. Jetzt muss die GHP im Land in den Vereinen und Betrieben angeboten werden. Der Aufwand für diesen breitensportlichen Wettbewerb der Turnier-Kategorie C ist nicht sehr groß. Alle Aufgaben lassen sich mit in den Vereinen und Betrieben vorhandenen Materialien aufbauen. Dann braucht man einen mindestens 20 mal 40 Meter eingezäunten Platz und cirka zehn Helfer, die unter anderem die Bälle in den Weg rollen oder die Regenschirme aufspannen. "Ideal wäre es, wenn die Gelassenheitsprüfung Bestandteil jedes Turnieres würde. Denn auch für Turnierreiter ist es eine hervorragende Möglichkeit festzustellen, wie es mit dem Gehorsam und der Erziehung ihres Pferdes an der Hand steht," wünschte Werner Stock [Offenburg, FN-Richter in Dressur und Springen bis Klasse L sowie für Breitensport]. "Die Gelassenheitsprüfung ist auch eine Riesenchance für Ausbilder, hier Angebote zu schaffen, die den Pferdefreunden helfen, ihre Pferde zu erziehen und richtig mit ihnen umgehen zu können," sagte [Georg] Fink [Pöhl, FN-Richter und Ausbilder]. » Testen Sie, wie gelassen Ihr Pferd ist | | |
Wunderbar! Ein neues Wettbewerbsangebot, und die Leute sind heiß darauf! Welche Leute?
Wer steht hinter dieser neuen Prüfung? Offenbar die Leitung der FN und die Richter der FN; die Vereine und Betriebe müssen erst noch gewonnen werden. Was ein richtiger Turnierreiter ist, der dürfte für Bälle und Regenschirme nicht leicht zu begeistern sein. Und diesen Leuten zu sagen, sie könnten nicht richtig mit ihren Pferden umgehen, diese seien nicht erzogen, wird einem keine neuen Freunde bescheren. Welche Pferdefreunde sind hier gemeint?
Dieses Buch führt nicht nur das Siegel des Verlags auf dem Titel, sondern auch das der Zeitschrift "CAVALLO", Untertitel "Das Magazin für aktives Reiten". Die Cavallo hat nämlich die Gelassenheitsprüfung, kurz GHP, zusammen mit der FN entwickelt:
| Was ist die Gelassenheitsprüfung? Die GHP wurde 2001 als Gemeinschaftsaktion von Deutschlands führender Pferdesportzeitschrift CAVALLO mit der FN, der Deutschen Reiterlichen Vereinigung e. V., entwickelt. Es handelt sich hierbei um einen Breitensportlichen Wettbewerb, bei dem die Gelassenheit des Pferdes/Ponys in 10 standardisierten Alltagssituationen im Führen demonstriert werden kann. Hierbei geht es nicht nur um das angeborene Temperament, sondern auch um den antrainierten Gehorsam und das Vertrauen zum Menschen - Eigenschaften, die sich jeder bei seinem Pferd wünscht.
Die Vorteile der GHP:
- Sie sorgt dafür, dass mehr Reiter ihre Pferde durch Bodenarbeit erziehen.
- Sie motiviert zum Sicherheitstraining.
- Sie gibt Pferden Vertrauen zum Menschen.
- Sie ist offen für alle Rassen und spricht Pferdesportler aller Reitweisen an.
- Sie schafft Kontakt zu anderen Pferdebesitzern.
- Sie fördert den richtigen Umgang mit dem Pferd.
- Sie sorgt für gelassenere, besser erzogene Pferde.
- Sie bringt jede Menge Spaß, weil man ganz unterschiedliche Pferde vergleichen und ihre Reaktionen beobachten kann.
| Infos bezüglich der Aufgaben mit den Anforderungen, Teilnahmebestimmungen und vielen weiteren wichtigen Details finden Sie in der aktuellen » GHP-Broschüre (Download 229 KB). [...]
Wer kann die GHP veranstalten? Die GHP kann von Pferdesportvereinen, Pferdebetrieben sowie gekennzeichneten Betrieben, die Mitglied im zuständigen Landesverband für Pferdesport sind, veranstaltet werden. Das Merkblatt für Veranstalter (Download 190 KB) hilft bei der Vorbereitung und Durchführung.
Wer kann an der GHP teilnehmen? An der GHP darf jedes Pferd/Pony ab drei Jahren teilnehmen, egal welcher Rasse (natürlich auch Gangpferde) oder Reitweise. Voraussetzung ist allerdings, dass das Pferd/Pony einen Pferdepass mit den vorgeschriebenen Influenza-Impfungen hat (nähere Infos siehe Merkblatt der Abteilung Veterinär "Infektionsprophylaxe für Turnierpferde") und eine Tierhalter-Haftpflichtversicherung abgeschlossen ist.
Als Pferdeführer darf jeder sein Pferd vorstellen, der sein Pferd an der Hand mit Trense oder Halfter beherrscht und die körperliche und geistige Mindestreife besitzt.
Was wird bewertet? Das Pferd wird geführt und absolviert zehn Standard-Aufgaben, die es mit alltäglichen optischen und akustischen Reizen konfrontiert. Ein Pferd, das diese Aufgaben aufmerksam, aber ruhig und gehorsam mit einer erkennbaren Bereitschaft zur Mitarbeit meistert, erhält Noten von 1 bis 6 (analog Schulnotensystem).
Die GHP wird mit der Note 3 (befriedigend) und besser bestanden. Dafür erhält der Teilnehmer eine Urkunde und kann sich diese auch in den GHP-Pass eintragen lassen (anzufordern bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung für 6,50 EURO). In den Pass können bis zu 6 bestandene GHPs eingetragen werden. Pferde/Ponys mit der Note 1 (sehr gut) und 2 (gut) erhalten darüber hinaus auf der Veranstaltung eine besondere Erinnerungsschleife.
Wie bekomme ich den GHP-Pass? Teilnehmer an GHPs mit den Noten 3 (befriedigend), 2 (gut) und 1 (sehr gut) können gegen eine einmalige Gebühr von 6,50 EURO (inkl. 7 % Umsatzsteuer) die Ausstellung eines GHP-Passes bei der FN beantragen. In diesen Pass können bis zu 6 bestandene GHPs (absolvierte GHP mit Note 3 und besser) eingetragen werden. Für die Beantragung sollte ein » Formblatt (Download 71 KB) verwendet werden, das auch auf den Veranstaltungen an die Teilnehmer ausgehändigt wird. Mit dem ausgefüllten Formblatt und einem beigefügten Verrechnungsscheck über 6,50 Euro kann der Teilnehmer dann bei der FN den GHP-Pass beantragen.
Folgeeinträge in den GHP-Pass Hat ein Pferd/Pony bereits einen GHP-Pass, wird die nächste bestandene GHP (nur Note 3 und besser) auf der jeweiligen Veranstaltung in den Pass eingetragen, die Richter unterschreiben und der Pass wird vom Veranstalter der GHP an die FN gesandt. Von der FN erhält der Teilnehmer dann seinen GHP-Pass mit per Siegel bestätigten Eintrag zurück (es fallen keine weiteren Gebühren an). Die Urkunde erhält der Teilnehmer auf der Veranstaltung zusätzlich.
Weitere Informationen erhalten Sie bei: Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. Abteilung Breitensport, Betriebe/Vereine 48229 Warendorf
Birgit Lietmann: Telefon: (02581) 63 62 537, Fax: (02581) 62144 oder E-Mail:
oder
Redaktion CAVALLO Olgastr. 86 70180 Stuttgart Ulrike Dobberthien: (0711) 2108078 Hannes Scholten: (0711) 2108078 Internet: www.cavallo.de
» Die Gelassenheitsprüfung für Sport- und Freizeitpferde (GHP) | | |
Wichtig ist, daß es sich um eine FN-Prüfung handelt, denn ansonsten kann ja jeder machen, was er will, und wenn es sein muß, auch Prüfungen. Private Prüfungen sind natürlich nichts wert. Es muß schon ein Verein dahinterstehen. Aber auch die Vereine sind eigentlich nicht die ultimative Instanz - die FN muß es schon sein. Die ist zwar auch ein Verein, aber der einzig offizielle, der einzig wahre, der Verein, der seinerseits Mitglied in der FEI ist. Die hat vermutlich von der GHP noch nichts gehört, aber wer weiß? Vielleicht findet die GHP den Weg von der CAVALLO über die FN zur FEI und schließlich noch zu den Olympischen Spielen!
Sie merken, ich mache mich ein wenig lustig. Zurück zu der Frage: Was ist die Zielgruppe der Prüfung und mithin dieses Buches? Die FN hat die Gelassenheitsprüfung der Abteilung Breitensport zugeordnet. Breitensport soll all diejenigen ansprechen, für die der herkömmliche Turniersport nicht in Frage kommt. Und das ist die überwältigende Mehrheit nicht nur der Pferdebesitzer und Reiter in diesem Lande, sondern auch der Vereinsmitglieder! Was fängt man mit diesen Leuten an? Man erfindet neue Wettbewerbe!
Ohne Wettbewerbe geht es nicht, wie wir oben schon gesehen haben, wir müssen und wollen uns vergleichen und prüfen lassen. Ob die Gelassenheitsprüfung auf die Dauer der Hit sein wird, muß man abwarten. Vor einem Jahr hatte schon jemand das Gefühl, daß diese neue Prüfung auch den Markt für ein neues Buch öffnet: » Keep cool - Training für die Gelassenheitsprüfung von Susanne Last.
Amazon verrät nicht, welcher Verlag dieses Buch wann herausgebracht hat; der Weltbild-Verlag ist mitteilsamer (Philippe, 2004) und hat auch noch einen Untertitel: » Ein Ratgeber für Teilnehmer und Veranstalter. Dafür gibt es bei Weltbild noch keinen Kommentar. Bei Amazon urteilt jemand: "Nett gemacht", ein anderer: "Is nix. Schlechte Fotos, langweilige Texte, keine wirkliche Trainingsanleitung für jemand, der tatsächlich auf die GHP will. Ohne jeden Bezug zum Pferdealltag." Die andere Bewertung ist durchaus positiv: 5 Sterne.
Das vorliegende Buch hat demgegenüber zwei äußerst positive Bewertungen bei Amazon. Die eine Rezensentin will unbedingt sofort einen Kurs bei der Autorin buchen. Nun weiß man ja, daß auch solche Rezensionen leicht zu fälschen sind. Ein Verriß ist glaubhaft, alles andere möglicherweise zweifelhaft. Endlich muß ich Stellung beziehen. Welchen Eindruck macht das Buch auf mich?
Es ist sorgfältig produziert, umfangreich, gut gegliedert. Es ist vielleicht nicht nur für die Gelassenheitsprüfung zu gebrauchen, sondern auch für den Alltag. So ist die Gelassenheitsprüfung ja auch gemeint: Alltägliche Situationen, die zu Problemen führen können, werden simuliert, die Problemsituationen systematisch geübt und damit entschärft. Man muß also nicht unbedingt auf die Gelassenheitsprüfung hinarbeiten.
Die einzelnen Übungen der Gelassenheitsprüfung sind natürlich nicht so besonders schwierig. Braucht man dazu ein Buch? Der eine oder andere vielleicht schon. Der eine oder andere braucht vielleicht dazu noch einen Kurs. Wer weiß? Das Buch versucht über den reinen Übungszweck hinaus die Gelassenheitsprüfung als solche zu rechtfertigen und zu etablieren. Deshalb werden einige prominente Trainer befragt, die selbstverständlich durch die Bank Feuer und Flamme sind. Allen voran der CAVALLO-Haustrainer Michael Geitner, der seinerseits die Autorin lizenziert hat. So kommen denn seine blau-gelben Trainingswürste auch einmal ins Bild, seine Dual-Aktivierung wird vorgestellt.
Apropos Bild: Es gibt natürlich viele wunderbare Bilder; allerdings fällt auf, daß manche Fotos sich wiederholen. Was soll man auch machen? Es gibt nur wenige Prüfungen, und so fotografiert man halt das Pferd und die Besitzerin am Anfang, in der Mitte und am Ende der Prüfung. Die Farbfotos und Zeichnungen kommen von der CAVALLO, oder aber von Kerstin Diacont und einige wenige von Firmen. Kerstin Diacont zeichnet auch für die Innengestaltung verantwortlich. Man wundert sich also nicht, daß sie selbst mit ihrem Knabstrupper am Strand entlangreitet; Bildtitel: "Bei einem Ritt am Strand macht man das Pferd spielerisch mit Wasser vertraut." Dabei gibt es gar keine Wasserprüfung. Aber das Bild ist natürlich wunderbar!
Mit anderen Worten: Das Buch ist ein bißchen aufgeplustert. Es geht nicht nur um die Gelassenheitsprüfung. Das wird schon aus dem Inhaltsverzeichnis deutlich. Dennoch wird das Buch seinem Titel gerecht. Wer konkrete Anleitungen braucht, sozusagen Kochrezepte, Übungspläne, und wenn es auch nur darum ginge, den Schlendrian zu überwinden, der findet hier die Anweisungen, denen man nur zu folgen braucht.
Man darf nicht verkennen, daß viele Pferdebesitzer extreme Schwierigkeiten mit ihren Lieblinge haben. Auf Seite 113 findet sich unter der Überschrift "Wie war ich?" der Abschnitt "CAVALLO interviewt GHP-Einser-Kandidaten". Dabei wird deutlich, daß auch Reiter, die Turniere absolvieren, von dieser Art Prüfung profitieren können. Abwechslung ist immer gut, und was immer man macht, man lernt sein Pferd von einer anderen Seite und besser kennen.
Und anscheinend macht es auch noch Spaß. Früher mußte man so etwas selbst organisieren. Zwar gab es eine ganze Reihe von Büchern, aus denen man lernen konnte, aber eben keine Vorschrift. Das hat sich jetzt geändert. Man darf nicht nur, man muß sich sogar an die Vorschriften halten. Und sich hinterher mit einem richtigen FN-Diplom schmücken. Wenn das nichts ist?
Die Gelassenheitsprüfung hat aber noch eine andere Dimension. Die überwältigende Mehrheit der Pferdefreunde will nicht Leistungssport betreiben. Die hochberühmte Pferdezucht in unserem Lande ist jedoch bisher fast ausschließlich auf der Leistungssport fixiert. Bekanntlich kann man durch Zucht bestimmte Eigenschaften extrem fördern, wobei andere möglicherweise auf der Strecke bleiben. Das ist teilweise ganz offensichtlich. Wenn jemand sagt: "Wir haben phantastische Pferde, es fehlen uns bloß die Reiter dazu", dann wird die gesamte Kalamität offenbar.
Leistungssport wird nur in der Spitze betrieben, die Masse der Pferde kann dort nicht eingesetzt und abgesetzt werden. Wenn diese Pferde nun für diejenigen, die an Leistungssport nicht interessiert sind, ungeeignet sind, wird am Markt vorbeiproduziert. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Es verwundert also nicht, daß die Zuchtverbände langsam den Freizeitmarkt ins Auge fassen. Der soll nämlich alle die Pferde aufnehmen, die im Leistungssport keine Verwendung finden können.
Also muß die Zucht sich notgedrungen auf die Bedürfnisse dieses Marktes einstellen. Und nun kommt die Gelassenheitsprüfung ins Spiel. Wenn nämlich die Mutterstute die Gelassenheitsprüfung abgelegt hat, verspricht man sich einen wohltuenden Einfluß auf das Fohlen. Und damit wird die Gelassenheitsprüfung plötzlich ein Qualitätssiegel. Ein Pferd mit Gelassenheitsprüfung hat einen höheren Wert. Ein Fohlen hat einen höheren Wert, wenn die Mutter die Gelassenheitsprüfung abgelegt hat. Eine Stute, die die Gelassenheitsprüfung nicht besteht und auch sonst nicht den Turniercrack bringt, wird für die Zucht uninteressant.
Damit bekommt die Prüfung einen selektierenden Einfluß, genau wie die Leistungsprüfungen im Turniersport. Aber das ist zur Zeit noch Zukunftsmusik. Denkbar wäre diese Entwicklung jedoch. Zumindest könnten die Züchter daran interessiert sein, die Gelassenheitsprüfung zu einer festen Einrichtung werden zu lassen. Die Interessenlage wäre klar. Ob der Markt entsprechend reagiert, muß sich zeigen. Und da bei uns der Sport und die Zucht zusammengehen, könnte diese Entwicklung der deutschen Pferdezucht erneut einen deutlichen Vorsprung in den internationalen Märkten verschaffen. Ob sich Hannes Scholten, der Herausgeber der CAVALLO, der persönlich als Ansprechpartner zur Verfügung steht, diese Konsequenzen von Anfang an vor Augen geführt hat?
erschienen 11.12.05 | |