Ethische Fragen zu Geburt und Tod und Zucht hängen also zusammen, beim Menschen und beim Tier. Wer sich dieser Fragen bemächtigt, kann anscheinend nicht anders als qualitativ urteilen. Das Ziel muß immer das Bessere sein. Kein Mann, keine Frau möchte ein Kind bekommen, das schlechtere Anlagen hat als die Eltern. Heutzutage wird den Eltern das Recht zugebilligt, das Kind im Mutterleib zu töten, wenn es mit einer Behinderung oder Erbkrankheit auf die Welt kommen könnte. In vielen Gesellschaften, namentlich bei den alten Griechen und Römern, war es das Recht des Hausherrn, über Leben und Tod der Familienmitglieder zu entscheiden. Mißgebildete Kinder wurden ausgesetzt, was normalerweise den Tod bedeutete. Man tötete also etwas später, aber in der Sache ändert das nichts. Minderwertige Menschen sind nicht erwünscht.
Die Kinder sollen es besser haben als die Eltern, und zwar schon durch ihre Anlagen. Um das zu wollen, muß man nicht studiert haben, das liegt sozusagen schon in den Genen. Der Drang nach dem Höheren ist gewissermaßen in die Natur eingebaut. Die gesamte Evolutionstheorie basiert darauf. Irgendwie muß es ja funktionieren, daß die besseren Exemplare sich überdurchschnittlich vermehren.
In diesem Zusammenhang muß unbedingt der Philosoph » Friedrich Nietzsche erwähnt werden, dessen Gerede vom "Übermenschen" den Nationalsozialisten gut in den Kram paßte. Dabei meinte er gar nicht den ruchlosen, arischen Superhelden, sondern den Menschen, der sich selbst zum Kunstwerk macht, der seine Gottgleichheit verwirklicht, nachdem die Menschheit Gott getötet hat, wodurch sich nämlich für ihn die Notwendigkeit zum Übermenschen logischerweise ergibt.
| Als negatives Gegenstück zum Übermenschen wird in "Also sprach Zarathustra" der letzte Mensch vorgestellt. Dieser steht für das schwächliche Bestreben nach Angleichung der Menschen untereinander, nach einem möglichst risikolosen, langen und "glücklichen" Leben ohne Härten und Konflikte. Der Übermensch soll jedoch nicht als Herrenmensch über dem letzten Menschen verstanden werden, sondern als eine höhere Ebene des Menschseins, die sich selbst genug ist. » Friedrich Nietzsche | | |
Den "letzten Menschen", zu dem wir uns alle zählen dürfen, wenn ich das richtig sehe, hat Nietzsche verachtet. Nun war Nietzsche pikanterweise sich selbst keineswegs gut genug, sondern hat nach der Anerkennung der Welt gelechzt, die ihm dann ja auch, allerdings zu spät, zuteil wurde. Da er auf alles und jedes einhieb, kann sich fast jeder auf ihn berufen; irgendwo findet man schon das passende Zitat. Das kann ich selbst natürlich gar nicht beurteilen, weil mir die Zeit für das Studium seines Werkes zu schade ist, aber ich kann mich auf das Urteil eines Fachmanns berufen, der Nietzsches Werk in einer kritischen Gesamtausgabe herausgebracht hat:
| "Ein Fälscher ist, wer Nietzsche interpretiert, indem er Zitate aus ihm benutzt. […] Im Bergwerk dieses Denkers ist jedes Metall zu finden: Nietzsche hat alles gesagt und das Gegenteil von allem." - Giorgio Colli, "Nach Nietzsche" S. 209 » Friedrich Nietzsche | | |
Selbstverständlich hat sich Sloterdijk in seiner Rede ebenfalls auf Nietzsche berufen. Und das diskreditiert ihn in meinen Augen, denn Nietzsche ist für mich schon deshalb verdächtig, weil er sich über Sachverhalte verbreitet, die er nicht kennt: die Ehe zum Beispiel, oder die Frauen. Ich habe den Verdacht, daß er sich selbst als einen Übermenschen phantasiert, der er vermutlich nicht war, und wahrscheinlich gerade aus diesem Grunde. Das ist das erste Gesetz der Psychologie: "Ich, ich, ich." Ich bin der Beste, Wichtigste, Interessanteste, und ich gehe davon aus, daß alle Welt das auch so sieht. Amen. So einfach ist das.
Und manche meinen, daß die Welt das auch wissen möchte. Das möchte sie eigentlich nicht, denn die Welt besteht wiederum aus einzelnen Personen, die sich ausschließlich für sich selbst interessieren. Ein anderer wird aber in dem Maße interessant, wie er die eigene Bedeutsamkeit stützt und begründet. Und da Nietzsche genug Material produziert hat, um viele bedürftige Menschen innerlich aufzuwerten, wurde er im Laufe der Zeit immer bedeutender. So sehe ich das. Aber ich bin ja auch kein Philosoph.
Gretchenfrage: Wenn Sloterdijk über den Menschenpark redet, über Zuchtwahl, wen hat er dann im Visier? Ich wette: sich selbst!
| Mit genießerischer Grämlichkeit stilisierte sich Sloterdijk zum Opfer "linksfaschistischer Agitationen". Er habe doch nur in einer "literarisch hochcodierten Form" angesprochen, was Geistesgrößen wie Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche auch schon beschäftigt habe, nämlich das "autoplastische Potenzial von Homo sapiens". » Zucht und deutsche Ordnung, DER SPIEGEL 39/1999 | | |
Wenn das nicht Eitelkeit pur ist! Die Faszination des Übermenschen ist aber bestimmt nichts, was ausschließlich Philosophen oder Politikern zu eigen ist. Jede Frau überlegt sich sehr genau, von welchem Mann sie Kinder haben möchte. In gewisser Weise verhält sie sich nicht anders als ein Züchter, der diese Überlegungen für seine Stute anstellt, obwohl diese das Problem vermutlich selbst in die Hand nehmen könnte und würde. Kein weibliches Tier verpaart sich nämlich wahllos. Die Kriterien und Mechanismen, nach denen Tiere ihre Zuchtwahl vornehmen, sind noch weitgehend ungeklärt. Die Ansätze Darwins müssen im einzelnen überprüft werden.
Wer weiß, vielleicht würden die Pferde sich viel besser fortpflanzen, wenn man sie nur ließe. Aber nein, was die moderne Produktionstechnik leistet, kann man auf natürlichem Wege nicht erreichen. Da würde ein Hengst nur eine ganz begrenzte Anzahl von Stuten beglücken können, und diese jeweils ein Fohlen pro Jahr zur Welt bringen. Das reicht nicht, wenn man sich den wirtschaftlichen Zwängen aussetzt.
Ob das aber im einzelnen so klappt, wie die Eugeniker, Biochemiker und Reproduktionstechniker sich das vorstellen, bei den Pferden und bei den Menschen, und was bei den Züchtungstheorien des Menschen tatsächlich erschreckt, möchte ich in der übernächsten Woche untersuchen. Eigentlich wollte ich das Thema in dieser Woche abschließen, aber es erweist sich wieder einmal als weitaus komplexer als gedacht. Da ich mir aber vorgenommen hatte, die Geschichte der FN im Jahre ihres 100. Geburtstags zu skizzieren, und dieses Jahr am 15. Februar 2006 abläuft, muß ich mich sputen. Zwar will ich die restlichen 20 Jahre, die ich noch zu referieren habe, in einem einzigen Artikel erledigen, aber was aus diesen guten Vorsätzen bei mir wird, kennen Sie ja. Wer weiß, vielleicht ergeben sich dabei wieder so viele interessante Aspekte, daß ich doch mehrere Ausgaben dafür brauche. Machen wir also eine kleine Pause.
Quellen / Verweise
- » Peter Sloterdijk
- » Die Elmauer Rede
- » Regeln für den Menschenpark
- » Platon
- » Politeia
- » Aldous Huxley
- » Schöne neue Welt
- Leserbrief 1647
- » Utopie
- » Dystopie
- » Manager ohne Moral?
- » Mensch, Ackermann
- » Tabak, Im Würgegriff der Industrie
- » The Handmaid's Tale
- » Margaret Atwood
- » Todesstrafe
- Risiko Babyflasche, DER SPIEGEL 17/2005, Seite 162
- » Tammy Faye Bakker
- » Phyllis Schlafly
- » Jerry Falwell
- » Streit um Evolutionstheorie, US-Richter untersagt Alternativ-Unterricht
- » Kreationismus-Debatte, Etappensieg für die Bibelfrommen
- » Kreationisten in den USA, Mit Gottes Wort gegen die Wissenschaft
- » Eugenik
- » Francis Galton
- » Charles Darwin
- » Humangenetik
- » Rassenhygiene
- » Karl Binding
- » Alfred Hoche
- » Euthanasieprogramm
- » Lebensborn
- » Zucht und deutsche Ordnung, DER SPIEGEL 39/1999
- » Rheinlandbastard
- » Zwangsprostitution
- » Jenische
- » Verdingung
- » Das Recht zu sterben
- » "Ich will nur fröhliche Musik"
- » Friedrich Nietzsche
- » Friedrich Nietzsche
- Reproduktionstechnik, Betrachtungen über Besamung und Verwandtes
Ausgabe 348 · Teil 1 - Das Phantom, Techniken und Probleme der Samengewinnung
Ausgabe 349 · Teil 2 - Die Ware Pferd, Reproduktionstechnik als Antwort auf wirtschaftliche Zwänge
Ausgabe 350 · Teil 3 - Pferde- und Menschenzucht, Wir sind schon viel weiter, als Sie denken
Ausgabe 351 · Teil 4
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Foto
© Werner Popken
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