Soll man sich angesichts dieser Sachlage darüber aufregen, wenn Tiere, speziell Pferde, mit Bestrafung, Schmerz und Zwang zu Verhaltensweisen gebracht werden, die dem Menschen auf irgendeine Art und Weise Lust bereiten oder zumindest wichtig sind?
Diese Frage wird im allgemeinen eindeutig bejaht, und zwar wird das mit der abhängigen Situation des Tieres begründet. Die » BDSM-Szene betont, daß alle Beteiligten freiwillig mitmachen und jegliche Aktion unterbrochen wird, falls irgend jemand nicht mehr mitmachen möchte.
Davon kann ja nun bei den Tieren in der Regel nicht die Rede sein - diese können ihr Mitwirken zwar theoretisch und auch praktisch verweigern, aber dieses Verhalten wird von ihrem menschlichen "Partner" bestraft, und von Freiwilligkeit kann vermutlich ohnehin keine Rede sein, obwohl von Sportsfreunden immer wieder betont wird, daß auch Tiere Lust am Sport zeigen. Lust am Sport?
Oder meinen die etwas ganz anderes, etwa Lust an der Bewegung? Selbstverständlich laufen Pferde gerne, wie auch Menschen zuweilen Lust an der Bewegung verspüren. Diese Lust am Erleben des eigenen Körpers ist aber etwas ganz anderes und hat mit der Lust am Gewinnen, mit dem unbedingten Willen, die eigenen Grenzen zu überschreiten und mehr zu leisten als lustvoll ist, ohne die es den Begriff Sport, insbesondere den Leistungssport überhaupt nicht gäbe, gar nichts zu tun. Wenn dem so wäre, gäbe es auch etwas wie Weltmeisterschaften und Olympische Spiele im Tierreich und vielleicht auch eine entsprechende Kommerzialisierung. Davon kann aber keine Rede sein.
Zwar gibt es gewissermaßen "Wettkämpfe" unter Tieren, vornehmlich zwischen männlichen, aber diese dienen einem ganz bestimmten Zweck, nämlich der Fortpflanzung bzw. der natürlichen Zuchtauswahl, und haben mit Sport im eigentlichen Sinne überhaupt nichts zu tun. Indirekt könnte man den Sport auf die gleichen Wurzeln zurückführen. Bei Menschen munkelt man, daß der Gewinner in sportlichen Wettkämpfen inoffiziell zuweilen auch eine sexuelle Trophäe erringt - warum auch nicht?
Allgemein geht es aber um Prestige und Macht und Geld, wobei mal das eine, mal das andere eine größere Rolle spielt, und alle drei Komponenten erweisen sich gegenüber dem anderen Geschlecht als höchst attraktiv, das ist bekannt. Da beim Menschen alles viel vertrackter sein kann als beim Tier, könnte man behaupten, daß es eben auch beim Menschen letzten Endes nur der sexuelle Erfolg sei, der als Kraft hinter dem Sport steht.
Diese Hypothese scheint mir aber auf schwachen Füßen zu stehen. Wer es einfach nur darauf anlegt, auf schnellstmöglichem Wege den gewünschten Sexualpartner zu begatten, wird dazu kaum den Weg des Sportlers wählen - dann müßten wesentlich mehr Menschen und vor allem Männer Sportler sein. "Man müßte Klavier spielen können" ist der Titel eines Schlagers, der denselben Zusammenhang in Bezug auf die Musik herzustellen versucht. Man kann offensichtlich viele Umwege gehen, um zum selben Ziel zu gelangen. Der direkte Weg wäre der, sich zum perfekten Liebhaber und gegebenenfalls Eroberer auszubilden, wenn es nur darum geht.
Aber auch im Tierreich kann man die entsprechende Parallele nicht ziehen, denn der durch das Sexualverhalten zeitlich begrenzte und mehr oder minder festgelegte Wettbewerb der männlichen Tiere zielt nicht auf irgendwelche Rekorde ab. Entweder geht es darum, wer vitaler ist, oder es handelt sich um Rituale, die das Weibchen beeindrucken sollen, welches anschließend souverän nach nicht weiter bekannten Kriterien die Wahl trifft. Ein sportlicher Wettkampf dürfte also ein Konzept sein, das Tieren prinzipiell verschlossen ist.
Die von den Menschen mit Pferden entwickelten sportlichen Wettbewerbe haben nur sehr entfernt, etwa in der Dressur, etwas mit sexuell motivierten Wettbewerben unter Pferden zu tun. Insbesondere der Springsport und das die Rennveranstaltungen können sich nicht darauf berufen, daß Pferde unter sich natürlicherweise so etwas veranstalten würden und dabei ihren Siegeswillen erproben und unter Beweis stellen würden, weshalb der Siegeswille kein natürlicher Bestandteil der Psyche des Pferdes sein kann.
| |