| | | L. Koch: Sennerpferde im ehemaligen Gestüt Lippe verfolgen ein fremdes Pferd (Ausschnitt) |  |  |  |
| | | | Rangauseinandersetzung durch Ohrenspiel |  |  |  |
| Tiere müssen sich ja untereinander ebenfalls erziehen und greifen dabei durchaus zu drastischen Mitteln. Gewalt ist keineswegs ausgeschlossen. Freilich wird diese nur eingesetzt, um eine Konfliktsituation zu klären. Sobald der Respekt wiederhergestellt ist, entfällt der Anlaß zur Gewaltanwendung. Mehr noch: Gewalt wird nur ausgeübt, wenn andere Mittel versagt haben. Üblicherweise wird mit dem geringsten Einsatz an Energie gearbeitet - der Bewegung eines Ohres beispielsweise. In stabilen Sozialverbänden wird eine Leitstute sich gerade dadurch auszeichnen, daß sie niemals Gewalt anwendet. Sollte das der Fall sein, ist daß ein Zeichen dafür, daß ihre Stellung schwer bedroht ist. Sie wächst in diese Rolle auch nicht hinein, indem sie sich nach oben kämpft, vielmehr übernimmt sie diese aufgrund eines allgemeinen Konsens in der Gruppe. Die Leitstute muß sich gewissermaßen als würdig und fähig erweisen, die Verantwortung für die gesamte Gruppe tragen zu können, weil deren gesamtes Wohl von ihr abhängt. Einer muß es schließlich machen, so funktioniert die Herde. Die Leitstute ist nichts ohne die Anerkennung ihrer Rolle eines jeden Herdenmitglieds, aber sie muß diese Rolle auch ausfüllen können. Soll in einen funktionierenden Herdenverband ein neues Mitglied aufgenommen werden, muß man sehr vorsichtig vorgehen, damit Gewaltexzesse in der Herde möglichst vermieden werden. Die werden dann provoziert, wenn das neue Mitglied erstens einen Mangel an der Zivilisationstechniken mitbringt, also im Grunde nicht weiß, wie man sich in einer Pferdeherde benimmt, und zweitens auch noch meint, eine Position einnehmen zu müssen, die ihm nicht zusteht. Man läßt also das neue Tier am besten nicht sofort zur Herde, sondern bringt es auf einer benachbarten Weide unter, so daß beide Parteien ungefährdet Kontakt aufnehmen, sich kennenlernen und bei Bedarf jederzeit zurückziehen können. Ich weiß, wovon ich rede, weil ich mir in dieser Hinsicht grobe Fehler habe zuschulden kommen lassen und sowohl die Herde als auch das neue Mitglied fahrlässig überfordert habe, mit unangenehmen Folgen. Im Verhältnis Pferd und Mensch ist die Sache unter anderem deshalb kompliziert, weil der Mensch in der Regel sein Leben nicht ununterbrochen im direkten Kontakt mit dem Pferd verbringt. Bei einem Bauern, der tagein tagaus mit seinem Pferd von morgens bis abends arbeitet, oder bei einem Wanderreiter, der Wochen oder Jahre mit seinem Pferd unterwegs ist, stellt sich ganz automatisch ein sehr intimes Verhältnis ein, das für den normalen Reiter, der mit seinem Pferd immer nur stundenweise und noch nicht einmal immer täglich zusammen sein kann, unerreichbar ist. Das Respekts- und Vertrauensverhältnis muß deshalb immer wieder neu hergestellt werden, und dabei kann der Mensch jede Menge Fehler machen. Wenn er dann auch noch unter Streß steht, weil er zusammen mit dem Pferd Leistungen erbringen will oder muß, kann es nicht Wunder nehmen, wenn bei dieser Auseinandersetzung Gewalt ins Spiel kommt. Entweder ganz konkret oder aber zumindest als Erinnerung an früher ausgeübte und erlittene Gewalt, die - wie man es heute so nennt - einen bedingten Reflex auslöst. Ist das gut oder schlecht? Die Frage ist sicher nicht ganz einfach zu lösen. Eine überwältigende Mehrheit der Pferdemenschen würde heute niemals glauben können, daß es ohne Gewalt geht. Die Gewalt gegenüber dem Pferd ist ein integraler Bestandteil der gesamten Pferdekultur und es erscheint völlig ausgeschlossen, daß sich das jemals ändern könnte. Es ist aber gewiß, daß sie sich ändern muß, denn es ändert sich alles und ständig, und daran sind wir alle in mehr oder weniger großem Maße beteiligt, durch unser Denken, Wollen und Handeln. Die Rolle des Einzelnen kann gar nicht unterschätzt werden. Wenn viele, wenn alle etwas Bestimmtes wollen, wird es sich notwendigerweise durchsetzen. Die unwahrscheinlichsten Änderungen haben wir selbst erlebt, mit dem Zusammenbruch des Kommunismus russischer Prägung beispielsweise, der uns die Wiedervereinigung beschert hat. Niemand hätte darauf gewettet, mehr noch: niemand hat es erwartet, und dennoch ist es eingetreten. Das Undenkbare wurde wahr und wirklich. Nicht ganz so spektakulär, aber ganz ähnlich unerwartet und unwahrscheinlich stellt sich die Wandlung der deutschen Kultur und Gesellschaft dar, die ja im Westen zunächst einmal durch eindeutig restaurative Züge bestimmt war: die Verbrecher des Dritten Reiches nahmen hohe Positionen in Politik und Wirtschaft ein, die gesellschaftlichen, ethischen, soziologischen, pädagogischen Werte und Ziele hatten sich mitnichten geändert. Trotzdem brach dies alles Ende der sechziger Jahre ganz unerwartet zusammen, eine neue Gesellschaft wurde geboren, neue Werte wurden entwickelt, neue Ziele formuliert.
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