| | | Fohlen in Pesade, Vollblutgestüt Röttgen |  |  |  |
| Dass man auch im Gelände 'ernsthaft' reiten kann, darauf machte ich Dich schon in meinem früheren Brief vom 25. März 2008 mit einigen Fotos von Neda mit ihrer Trude aufmerksam (siehe › Verstand und Gefühl). Man kann halbe und ganze Paraden im Schritt und im Trab üben, man kann Schenkelweichen und angedeutete Seitengänge reiten, Rückwärtsrichten, Vorhandwendungen und Volten reiten, wenn der Weg breit genug ist oder auf einer Wegekreuzung.
Und man kann seine Fantasie bemühen und rechts und links des Weges Möglichkeiten finden, die das Vertrauen vom Pferd in den Reiter sichern helfen und die Geschicklichkeit des Pferdes verbessern. Ein Slalom um eine Baumreihe, ein kleiner Graben, ein Baumstamm, eine kleine Kletterböschung rauf und wieder runter - das Gelände kann so abwechslungs- und lehrreich sein! Und gerade dort, raus aus dem Einerlei einer umgrenzten Reitbahn, zeigt sich, was das Pferd bisher gelernt hat und wie zuverlässig sein Vertrauen ist.
Den Rat, möglichst nicht ohne Begleitung zu reiten (auch mutige Reiter auf Drahteseln können diese Begleitfunktion übernehmen) möchte ich wiederholen. Der Reithelm ist im Gelände eine Selbstverständlichkeit.
In diesem Zusammenhang erinnere ich Dich daran, dass Du Dir ab und zu auch eine Möglichkeit suchen solltest, an einer Gymnastik-Springstunde teilzunehmen, die Dich auf kleine Hindernisse im Gelände vorbereitet. Ich bin keine Anhängerin des Springsports, aber ein kleiner Graben oder ein Baumstamm dürfen kein Grund sein, einen Umweg zu reiten oder mit seinem Pferd nach Hause umkehren zu müssen. Deshalb muss KORALLE hin und wieder Gelegenheit bekommen, das Taxieren und Überwinden eines leichten Sprunges auch mit Reitergewicht zu üben. Und da auch Du noch keine Meisterin über die Hindernisse bist, ist so eine Übungsstunde mit korrigierendem Ausbilder umso wichtiger.
'NATÜRLICHES' REITEN
Gestern habe ich eine Gruppe von Jährlingen auf der Koppel beobachtet. Erst herrschte friedliche Ruhe beim Rupfen und Mampfen der Gräser, aber urplötzlich geriet die ganze Halbstarkenbande in flüchtende Bewegung über die Koppel.
Ich konnte sehr gut beobachten, wie der eine oder andere Jährling jenseits am bremsenden Zaun zu einer ganzen Parade gezwungen wurde. Dabei schob sich bei deutlich gesenkter Kruppe die Hinterhand unter den Rumpf, die Vorhand richtete sich auf, das Genick wurde zum höchsten Punkt, die Nase schob sich vor die Senkrechte (= passive Aufrichtung). Es war eine perfekte Demonstration einer aus der natürlichen Bewegung geborenen ganzen Parade der jungen Pferde.
Ich war wieder einmal begeistert über den Wahrheitsgehalt der klassischen, der Natur abgeschauten Ausbildung, die allerdings nicht gleichzusetzen ist mit der erfolgshungrigen Ausbildung so mancher der heutigen Dressur-Sportpferde und ihrer Reiter bis zur höchsten Klasse, wobei das 'Material' oft die größere Rolle zu spielen scheint, als die Achtung vor und die Freude an dem Geschöpf Pferd.
Ein anderes Beispiel zeige ich Dir mit einem Foto aus dem Vollblutgestüt Röttgen, auf dem neben anderen Pferden ein Fohlen zu sehen ist, das sich zu einer Pesade hebt.
Eine Pesade möchte ich als eine Vorstufe zur Levade bezeichnen, bei der Kraft und Balance des Pferdes noch nicht ausreichend sind, um ihm das tiefe 'Setzen' mit den stark gewinkelten Gelenken der Hinterhand zu erlauben. Es ist eine disziplinierte, vom Ausbilder/Reiter provozierte Stufe zwischen einem steigenden Pferd und einem Pferd in der tiefen Levade.
Auch hier bestätigt sich die Behauptung der 'Klassiker', dass alle korrekt ausgebildeten Bewegungen des Pferdes, bis hin zu den 'Schulen über der Erde', der Natur abgeschaut sind. Es würde sich für manchen Reiter, nein: für a l l e Reiter empfehlen, nach einer Möglichkeit für einen Gestütsbesuch zu suchen und zwar in den Sommermonaten, um dort möglichst vielen Fohlen zuzuschauen. Du kannst dann die ganze detaillierte Ausbildung eines Pferdes sehen mit jenen Übungen, die sie später dann auch etwas disziplinierter unter dem Reiter zeigen sollen.
Liebe Nora, das war wieder mal ein sicher erlaubter und vielleicht sogar notwendiger gedanklicher Ausflug in die erweiterten Gefilde der Reiterei. Und da ich gerade bei den Abschweifungen bin und Dir schon mehrmals Bilder von Pferden des Vollblutgestüts Röttgen schickte, kommt mir in Erinnerung, dass ich Dir noch eine Erklärung schulde zu Deiner Frage
WAS IST EIGENTLICH EIN 'VOLLBLÜTER'?
Sobald ich in den nächsten Tagen wieder genug Zeit finde, um in Ruhe weiterschreiben zu können, will ich Dir Deine Frage etwas ausführlicher beantworten, bis dahin also - .
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