
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
In dieser Woche möchte ich Ihnen eine DVD vorstellen und ans Herz legen, die Ihnen wertvolle Einsichten bringen kann. Wie immer, muß man natürlich offen sein. Wenn man schon alles weiß und kennt, braucht man sich neue Sachen nicht anzuschauen. Aber selbst wenn man sich öffnen möchte, muß man doch darauf gefaßt sein, daß man die neuen Dinge mit der alten Brille sieht und möglicherweise das Wesentliche verpaßt.
Nun hat man nicht allzu oft Gelegenheit, Neues zu erfahren, weil die Welt voll von alten Dingen ist, die meistens nur wiedergekäut werden. Das ist ja nicht weiter verwunderlich, denn unser Leben währt kurz, wir können nicht alles neu erfinden, wir müssen uns auf das verlassen, was unzählige Generationen vor uns entwickelt und erfahren haben. So auch mit Pferden - hat die Menschheit nicht 5000 Jahre Erfahrung mit Pferden? Kann man darauf nicht bauen?
Es gibt viele, die behaupten, daß diese Frage eindeutig beantwortet werden kann. Irgendwann, im Barock spätestens, wenn nicht schon zu Zeiten der alten Griechen, habe die Menschheit endgültig und definitiv begriffen, was Pferde sind und wie man mit diesen umzugehen habe, und das alles sei in die klassische Reitkunst eingeflossen - was immer das sein mag. Jedenfalls müssen wir doch offensichtlich die Stars der Reitszene als Vorbild nehmen, was den Umgang, die Ziele und die Methoden betrifft.
Aber wenn man sich anschaut, wie diese Leute reiten, kann man eigentlich nicht einverstanden sein. Allein der Anblick, mit wie viel Kraft den Pferden im Maul gehangen wird, verursacht bei manchen Menschen Magendrücken. Auch den Pferden scheint es nicht gut zu bekommen, weshalb die Spitzenathleten wohl zu Spitzendoping greifen (müssen?).
Der Traum vieler Menschen vom Zusammensein mit Pferden sieht völlig anders aus. Dieser Traum ist unter anderem von den sogenannten Pferdeflüsterern bedient worden, die nun ihrerseits von klassischer Reitkunst im allgemeinen wenig beleckt sind. Wenn überhaupt, dann haben viele von denen ihre sportlichen Meriten im Westernsport erworben oder ihre Vorbilder dort gefunden; der Westernreitsport kann nun seinerseits nicht als pferdefreundlich gelten, jedenfalls dort, wo es nicht um das reine Spazierenreiten geht (Pleasure). Die Cowboys, die das Westernreiten wenn schon nicht erfunden, so doch geprägt haben, gelten sicher zu Recht als Rauhbeine, die Pferde lediglich als Mittel zum Zweck begreifen und allenfalls einmal ihren derben Spaß mit ihnen haben wollen.
So bleibt der Pferdefreund etwas verwirrt zurück. Was ist denn nun richtig? Das, was die etablierten internationalen Verbände fordern, was die hochkarätigen Kritiker aus der Ecke der Hohen Schule propagieren, oder soll man sich irgend einem der unzähligen neuen Pferdeflüsterer auf dem alten oder dem neuen Kontinent anvertrauen, von denen jeder seine eigene Methode entwickelt hat, von denen jeder behauptet, nun endlich den letzten Schluß der Weisheit zu besitzen?
In diese Reihe gehört ganz offensichtlich Hans Jürgen Neuhauser. Schon wieder einer, der das Reiten neu erfunden hat! Dazu gehört natürlich ein Begriff: "HJN-Reiten" (es fällt einem sofort RAI-Reiten ein), und ein Slogan: "Ganzheitliches Reiten", womit wiederum ein Marketingklischee bedient wird. Ganzheitlich ist Bio, und Bio ist gut, oder?
Es fällt schwer, sich zu orientieren. Der interessierte "Verbraucher" ist auf Bücher, Filme und Vorführungen angewiesen, kann sich im Freundeskreis umhören und diesen durch das Internet erweitern, indem er sich in verschiedenen Foren schlau macht. Wer etwas zu sagen hat, hat es nicht minder schwer, denn er ist auf genau dieselben Kanäle angewiesen, er kann Bücher schreiben, Filme machen, Kurse und Vorführungen geben. Alles das ist aufwendig und kostspielig.
Hans-Jürgen Neuhauser hatte das Glück, von einem professionellen Fernsehteam begleitet zu werden. Keine Ahnung, wie es zu dieser Produktion kam, aber die unverhoffte Wiederholung der Sendung "Das Geheimnis der Pferdesprache" auf arte stiftete den Kontakt: Hans-Jürgen Neuhauser ließ eine Presseerklärung in der Pferdezeitung veröffentlichen, um in der Kürze der Zeit auf die Wiederholung aufmerksam zu machen, und daraus ergab sich ein längeres Telefonat.
Zwar habe ich diese Dokumentation nicht gesehen, weiß aber von Herrn Neuhauser, daß sie etwas mißverständlich ist, weil - wie das bei Fernsehproduktionen so ist - enorm geschnitten werden mußte, und dabei Mißverständnisse provoziert wurden. So müssen Fernsehleute natürlich immer mit Sensationen aufwarten, und deren konnte Neuhauser sogar zwei präsentieren: Einmal die Arbeit mit einem frisch eingefangenen Wildpferd in den USA, zum anderen die Arbeit mit zwei gefährlichen Hengsten in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Einer dieser Hengste ist ein Schimmel, der andere eine Rappe. Im Film wurden gefährliche Szenen mit dem Schimmel gezeigt und brave Szenen mit dem Rappen - für die Dramaturgie der Fernsehleute war das wohl passend. Zuschauer haben daraus den Schluß gezogen, daß Neuhauser den Schimmel nicht in den Griff bekommen hat und der Rappe ohnehin harmlos war.
Wer es genau wissen will, sollte sich die DVD anschauen. Für diese Rezension kann ich nicht so weit auf den Film eingehen, wie ich das gerne möchte; deshalb werde ich demnächst einen ganzen Hauptartikel über die DVD veröffentlichen. Die Rezension nutze ich dazu, Sie neugierig zu machen. Soviel kann ich Ihnen aber schon verraten: Im ersten Teil (25 Minuten) wird sehr deutlich, was Sie und ich von Neuhauser lernen können. In den beiden anderen Teilen wird gezeigt, daß er wirklich etwas kann.
Diese sind für uns aber entbehrlich, denn Sie haben es vermutlich genauso wenig wie ich mit gefährlichen Hengsten zu tun. Und wenn einer solche Bestien bändigen kann, hat das noch nicht viel zu sagen. Schließlich konnte Hempfling das auch. Die Filmszenen aus dem spanischen Militärgestüt werden mir sicher nicht aus dem Kopf gehen. Neuhauser behauptet jedoch, im Unterschied zu Hempfling nicht nur etwas zu können, sondern auch in der Lage zu sein, dieses zu vermitteln, und zwar an Leute wie Sie und mich.
Sie können sich einen ersten Eindruck mit drei Filmen verschaffen, auf die Neuhauser in seiner » Homepage aufmerksam macht:
Vielleicht schauen Sie sich diese Filme in genau dieser Reihenfolge an; in dieser Reihenfolge habe ich sie jedenfalls gesehen und finde im nachhinein, daß es sich dabei um eine folgerichtige Steigerung gehandelt hat. Der erste Film hat mich nicht besonders beeindruckt. Jetzt, nachdem ich die DVD kenne, kann ich ihn besser beurteilen und einordnen. Der Film macht den Eindruck, als würde hier jemand mit seinem Pferd einfach nur durch Wald und Wiese juckeln. Außerdem sieht man die Filmleute bei der Arbeit, was man gar nicht erwartet. Man fragt sich also, was das Ganze soll. Die paar Szenen in einer normalen Reithalle reißen es nicht heraus. Man kann an diesem Film nicht erkennen, ob Neuhauser wirklich etwas zu sagen hat. Ebenso gut könnte er noch ein weiterer von den vielen Experten sein, die einen auf längere Sicht enttäuschen.
Der zweite Film ist schon etwas besser, aber sehr anstrengend. Man hört den ganzen Krach einer solchen Messe, wie er wirklich ist, wie ein Mikrofon das aufnimmt, und nicht wie die menschlichen Ohren das tun, die ja so gnädig sind, die für uns unwesentlichen Dinge auszufiltern. Es stört aber nicht nur der Krach, es fällt einem auch schwer, Neuhauser zu folgen, der ja pausenlos redet und versucht, dem Publikum deutlich zu machen, was er zu vermitteln hat. Immerhin wird deutlich, daß er das Pferd sehr differenziert dirigiert, daß das Pferd ihm auf Fingerzeig folgt, und zwar in dieser schrecklichen Halle mit diesem schrecklichen Lärm, vor dem zahlreichen Publikum.
Er bringt dort auch einen kurzen Seitenhieb auf Hempfling, indem er deutlich macht, daß seine Kommunikationsmethode auf tänzerische Elemente verzichtet. Er kann das Pferd verlangsamen oder beschleunigen oder umwenden oder anhalten oder antreten lassen, ohne dabei spektakuläre Bewegungen machen zu müssen. Und er kann das alles auch, während er gleichzeitig dem Publikum erklärt, was er macht. Immerhin kommuniziert er in zwei Richtungen, zum Publikum und zum Pferd, und das hervorragend.
Der dritte Film hat mir besonders gut gefallen. Dort geht es um ein elfjähriges Mädchen und eine etwa gleichaltrige große Friesenstute. Neuhauser zeigt in diesem Film, wie er das Pferd mit Gesten dirigiert - ganz ähnlich wie in dem Film aus der Americana, nur ohne diesen Lärm und die schreckliche Atmosphäre und nicht ganz so ausführlich. Denn das Prinzip ist schnell vermittelt, und dann lädt er das Mädchen ein, es selbst zu tun, und zeigt es ihm. Und siehe da, es funktioniert. Schließlich setzt er das Mädchen auf das Pferd und läßt sie dieselben Figuren reiten, zeigt ihm, wie das geht.
Denn das Pferd ist so sensibel, so erklärt er, daß es spürt, wenn das Mädchen den Kopf dreht. Sie braucht also nur in die Richtung zu schauen, in die sie reiten möchte, und schon wird das Pferd die Richtung ändern. Und er hat recht. Es ist ein sehr schöner Film, ein liebevoller Film, mit sehr viel Einfühlungsvermögen gemacht. Ich habe den Eindruck, daß die Filmleute selber berührt waren und der Versuchung widerstehen konnten, aus dem Thema eine Sensation zu machen. Dabei ist es eine Sensation, oder etwa nicht?
Nach diesen gemischten Erfahrungen habe ich mir den Film in der Erwartung angeschaut, daß alles Mögliche dabei herauskommen kann. Vielleicht wäre ich gelangweilt, oder gar unangenehm berührt, oder sogar aufgebracht, oder aber ich würde etwas wirklich Interessantes sehen, etwas Bedeutendes, etwas, das uns alle, Sie und mich, voranbringen kann.
Ursprünglich wollte ich ja nur eine Rezension schreiben, aber nach dem Gespräch mit Neuhauser hatte ich schon die Möglichkeit in Betracht gezogen, daß ich etwas ausführlicher über ihn und seine Methoden schreiben sollte. Am Telefon klang der Mann ganz vernünftig. Aber nach diesen Filmchen war ich mir wieder nicht so sicher. Erzählen können die Leute viel, aber was beweist das?
Nach den ersten 25 Minuten war mir eigentlich klar, daß nur ein längerer Hauptartikel die angemessene Antwort auf diese DVD sein könnte. Inzwischen weiß ich, daß dieser fällig ist; möglicherweise werden es sogar zwei. Im Moment sieht es nicht danach aus, aber ich habe mit der Arbeit daran ja noch nicht richtig angefangen. Sie werden demnächst also noch mehr über Neuhauser und seine DVD zu lesen bekommen.
Neuhauser, so stellt sich heraus, ist zwar ein "klassischer" Pferdeflüsterer, aber einer, dessen Leidenschaft der Dressur gilt und der nach den Regeln der klassischen Ausbildungsordnung arbeitet: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Versammlung.
Einer, der ohne Zügel und Sattel reiten kann, der Zügel aber für unverzichtbar hält, weil Pirouetten oder Seitengänge ohne Zügel nicht zu reiten sind. Und schließlich ist er einer, der die Leute erst aufs Pferd läßt, wenn sie ihren Körper koordinieren können, und zwar ganz ohne Zügel. Wenn sie dafür bereit sind, gibt er ihnen erst den äußeren Zügel, und schließlich auch noch den inneren, wenn es nötig ist.
Der Mann ist kein Dogmatiker. Der Film beweist nicht nur, daß er etwas kann, sondern auch, daß er seine Einsichten, Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten an seine Schüler vermitteln kann. Im persönlichen Kontakt kann ein Lehrer nur wenige Schüler beglücken; deshalb möchte er demnächst mit einer Reihe von DVDs der ganzen Pferdewelt und den Pferden selbst helfen. Diese DVD ist ein glücklicher Anfang.
Sollten Sie nicht so lange warten können: Sie können die DVD schon jetzt bei uns oder direkt auf seiner Homepage bestellen.
erschienen 02.08.09
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