Die Gestütsleitung in Arabien hat natürlich zunächst ebenfalls systematisch alle anderen Einflussfaktoren untersucht, etwa Krankheiten oder Futterbestandteile, aber nicht damit gerechnet, dass der Einfluss des Menschen entscheidend sein könnte. Entsprechend überrascht fällt die Reaktion der Gestütsleiterin aus:
| HJN: Come on, fine, good. Good, du bist der Beste. Come on, good. Is this okay? Is this okay? War gut?
Sprecherin: Ohne beißen, ohne treten. "Abbsubj" lässt sich ohne Widerstand das Halfter überstreifen. Das grenzt für alle, die den Hengst lange kennen, an ein Wunder. Eine Kommunikation auch mit den schwierigsten Problempferden ist möglich. Hans-Jürgen Neuhausers Körpersprache ist international. Dank ihm, ist die Sprache der Pferde kein unergründliches Geheimnis mehr, sie ist erlernbar.
Sprecherin übersetzt den Text von der Gestütsleiterin July Day: Alle anderen Pferde die wir bekommen zeigen uns ihr Vertrauen denn eigentlich haben sie hier ja ein wirklich angenehmes Leben. Aber bei ihm, mit seiner inneren Anspannung war das ganz anders. Wir versuchten heraus zu finden an was es liegen könnte. Wir ließen sein Blut untersuchen, wir gaben ihm anderes Futter, wir haben alles versucht aber das ist das erste Mal das ich ihn fröhlich arbeiten sehe, gerne arbeiten. Offensichtlich müssen wir mit ihm besser kommunizieren, offensichtlich möchte er mit dir kommunizieren. Er ist glücklich das er sich mit dir unterhalten kann.
ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache | | |
Die Schlussfolgerungen der Sprecherin sind vielleicht vorschnell. Es ist wahr: Auch für diejenigen, die den Hengst in all seiner Wildheit und Gefährlichkeit nicht erlebt haben, ist es wunderbar zu erleben, wie er sich das Halfter anlegen lässt. Den nächsten Satz kann man sofort unterschreiben: Kommunikation ist für Neuhauser auch mit den schwierigsten Problempferden möglich - das glaubt man inzwischen.
Dass diese Erfolge lediglich auf seine Körpersprache zurückzuführen sind, bezweifle ich allerdings und habe das schon mehrfach versucht herausarbeiten. Diese Körpersprache ist sicherlich insofern international, als Pferde eben generell (wie viele Lebewesen) auf Körpersprache reagieren, das heißt auf die Bewegung von Körpern im Raum, genauer auf die Interaktion von Körpern im Raum, und diese Bewegung hat mit Nationalitäten nichts oder wenig zu tun.
Ich nehme an, dass Menschen unterschiedlicher Kulturkreise sich auch durchaus unterschiedlich bewegen, aber diese Unterschiede sind vermutlich zu vernachlässigen. Schließlich stimmen alle Menschen in ihrer Anatomie vollkommen überein: Wir haben dieselben Knochen, dieselben Muskeln, wir benutzen die Muskeln auf dieselbe Weise, um die Knochen zu bewegen - warum sollte es Pferden schwerfallen, geringfügige Abweichungen zu übersehen?
Tatsächlich ist das nur eine Vermutung meinerseits; ich könnte nicht behaupten, so etwas schon einmal beobachtet zu haben. Mir ist allerdings aufgefallen, dass Menschen verschiedener Kulturkreise ihre Stimme unterschiedlich einsetzen, von der Mimik ganz zu schweigen. Eine holländische Stimme beispielsweise, egal ob männlich oder weiblich, ist sofort zu erkennen, was nicht nur an den spezifischen Lauten der holländischen Sprache liegt, sondern auch an der Tonhöhe. Und Engländer, scheint mir, sprechen generell in einer höheren Tonlage als Amerikaner, ganz abgesehen von den Unterschieden der Aussprache. Diese nationalen Unterschiede hindern uns aber nicht daran, die Sprache zu verstehen.
Es ist meines Erachtens also nicht verwunderlich, dass der Hengst Neuhauser versteht. Es ist der nächste Satz, der mir aufstößt. Die Sprache der Pferde sei kein unergründliches Geheimnis mehr, sie sei erlernbar. Diese Behauptung ist an dieser Stelle zumindest völlig aus der Luft gegriffen und durch den soeben dokumentierten Erfolg Neuhausers keineswegs bewiesen. Die Aussage wäre zulässig und fundiert, wenn anschließend Gestütsmitarbeiter annähernd dieselbe Vorführung hingelegt hätten. Die standen aber sicher hinter den Mauern und mächtigen Eisenrohren.
In den früheren Artikeln dieser Reihe habe ich herauszuarbeiten versucht, welche charakterlichen Eigenschaften Neuhausers wo zum Tragen kommen, und dass diese ganz wesentlich zum Erfolg seiner Methode beitragen. Ich habe Neuhauser fast als Übermenschen herausgestellt, der gewissermaßen kein Ego hat und sich nicht wie andere Leute selbst in den Vordergrund spielen muss. Das im Zusammenhang mit Charakterfragen, also mit der Frage, ob es manchen Leuten einfach gegeben ist, sich so zu verhalten, anderen aber nicht, auch wenn sie sich noch so sehr anstrengen.
| | In der folgenden Videosequenz (1:16 min, 4,1 MB) sehen wir die aufregenden ersten Schritte: In 20 Minuten schon ist das Eis gebrochen. "Ab dem Moment in dem das Pferd da hingehen will wo auch er hingeht, kann seine Ausbildung beginnen." | | |
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