Nun stellt sich anschließend an diesen grandiosen Erfolg heraus, dass auch Neuhauser Ehrgeiz hat, dass er mehr tut, als er tun müsste, dass er mutwillig sein Talent und seine Leistung auf die Probe stellt, wobei allerdings offen bleibt, ob dies seine Idee war oder die der Gestütsleitung. Er begibt sich aufs Eis, aber das könnte sich als zu dünn erweisen und Neuhauser als Esel dastehen lassen.
| Sprecherin: In der klaren Körpersprache erkennt sich das Pferd wieder und fühlt sich verstanden. Dadurch wird ein beiderseitiges Vertrauensverhältnis aufgebaut und gefestigt. Der vierte Tag. Hans-Jürgen Neuhauser hat gezeigt das sein ganzheitlicher Ansatz funktioniert. Das ehemalige Problempferd folgt ihm nicht nur, sondern führt auch gerne seine Anweisungen aus und verbiegt sich für ihn. Doch wie weit kann Vertrauen in so kurzer Zeit gehen? Wird das Pferd bei ihm bleiben, wenn das Tor geöffnet wird oder wird es wieder seinen Pfleger angreifen oder zu den Boxen der Stuten laufen? Die Gestütsleitung ist nervös. "Abbsubj" läuft nicht davon. Für den schnellen und wendigen Araberhengst wäre es ein leichtes jetzt an ihm vorbei zu stürmen, doch er tut es nicht. Er bleibt bei Hans-Jürgen Neuhauser, er vertraut ihm.
a.a.O. | | |
Die Probe geht gut aus, und Neuhauser scheint dieser Erfolg nicht zu Kopf zu steigen. Also doch eine Charakterfrage?
Neuhauser muss in dieser Situation durchaus auf konventionelle Mittel zurückgreifen - es ist nicht ganz so einfach, wie die Sprecherin das darstellt; so muss er zunächst Druck aufbauen und den Hengst zurückdrängen, indem er gewaltig mit der langen Gerte fuchtelt. Der gibt schließlich nach und folgt ihm vorbildlich, allerdings fürchtet man ständig um dieses prekäre Verhältnis und ist froh, als das Experiment endlich beendet wird.
Währenddessen hatte es durchaus recihlich Nervenkitzel gegeben. Neuhausers stand aus Blickrichtung der Kamera links neben dem Hengst, dieser mit Blickrichtung auf das Tor, welches weit geöffnet wurde. Der Hengst blieb stehen und Neuhauser bewegte sich um ihn herum und stellte sich rechts neben den Kopf des Hengstes, so dass eine zweite Kamera diese Situation von vorne anfangen konnte.
Dann bewegte er sich wieder zurück und gab somit gewissermaßen den Weg frei, was wieder von der ersten Kamera gezeigt wurde. Der Hengst reagierte verunsichert - vielleicht war die Körpersprache eben doch nicht so klar. Er setzte sich schließlich in Bewegung und Neuhauser musste ganz deutlich machen, dass er damit nicht einverstanden war. Seine Kehrtwendung reichte zwar aus, die Vorwärtsbewegung des Hengstes zu stoppen, rief aber dessen Unwillen hervor, ganz deutlich gemacht durch demonstratives Kopfschlagen.
Und dann, man glaubt es kaum, entscheidet sich Neuhauser, auf den Hengst zuzugehen und dabei gleichzeitig stark mit der Gerte zu wedeln. Solche Maßnahmen hatte er bis dahin nicht ergreifen müssen. In gewisser Weise kommt das einer Bankrotterklärung schon ziemlich nahe. Neuhauser ist entweder etwas zu weit gegangen oder er hat sich körpersprachlich zumindest so undeutlich ausgedrückt, dass der Hengst sich aus einer für ihn vielleicht nicht einmal unangenehmen Situation lösen wollte (was ich gar nicht glaube), sondern vielmehr die Aktionen Neuhausers geradezu als Aufforderung aufgefasst hat, den Platz zu verlassen.
Schauen Sie sich die betreffende Sequenz am besten selber genau an und versuchen Sie herauszufinden, was wirklich abgelaufen ist und wie man es zu verstehen hat. Wie auch immer, ich halte diese Demonstration eigentlich für ziemlich überflüssig und auch gefährlich. Vielleicht hat Neuhauser doch ein Ego, das sich jetzt endlich einmal zu Wort gemeldet hat, oder der Regisseur oder die Kameraleute brauchten einen Höhepunkt oder die Gestütsleitung forderte die Nagelprobe ein - wie auch immer, man kann die Szene durchaus als Erfolg verkaufen, wenn man nicht ganz so genau hinschaut. Im Fernsehen ist das so gut wie unmöglich, die Bilder sind so schnell vorbei, dass man kaum etwas begreift.
Dass Neuhauser fremdbestimmt gehandelt hat, geht meines Erachtens aus dem Wortwechsel hervor: Er fragt mehrfach in Richtung Gestütsleitung, auf Deutsch und Englisch, ob es jetzt gut ist, und bittet dann, als er von dort ein positives Signal bekommt, um das Schließen des Tors.
Beim intensiven Abhören der Stelle erkenne ich es genau: Er fragt: "Ist es ok? Ist es ok, Heinz? War gut?", und der Angesprochene antwortet jeweils knapp mit "Ja". Mit Heinz ist sicherlich der Kameramann Heinz von Manthey gemeint. Die Szene war also für die Dramaturgie des Films notwendig.
| | In der folgenden, recht aufregenden Videosequenz (2:11 min, 7,2 MB) sehen wir die Nagelprobe: Der Hengst kann weg, aber er folgt Neuhauser und lässt sich anschliessend das Halfter anlegen. | | |
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