Rembrandt van Rijn, Niederlande Der barmherzige Samariter bei der Herberge 1633, 25,4x20,3 cm, Radierung, Zustand IV signiert und datiert: Rembrandt inventor et fecit Amsterdam, Rijksprentenkabinet
Im › › › Galeriebeitrag 183 haben wir gesehen, wie Rembrandt 1644 den Beginn des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter in einer Zeichnung geschildert hat.
Hier sehen wir, wie der elende Mann vom Pferd gehoben wird, das ihn treu zur Herberge getragen hat, wo er wieder gesundgepflegt werden soll.
Die Radierung ist ziemlich groß, etwa A4, im Buch in Originalgröße abgebildet. Auffällig die Lichtverteilung, wobei der Vordergrund dunkel, der Hintergrund hell ist.
Auch ohne Konstruktionslinien sieht man sofort die beiden Diagonalen, in deren Schnittpunkt der Held der Geschichte aufscheint.
Durch die eine Diagonale betont und weit im Vordergrund prominent plaziert ein Hund, der unmißverständlich einen großen Haufen produziert. Das ist Rembrandts freie Erfindung und nicht in der Bibel überliefert.
Rembrandt van Rijn, 1606-1669 ist nicht nur als Maler, sondern auch als Zeichner und als Radierer berühmt. In jeder Hinsicht wurde seine Kunst im Laufe seines Lebens größer, tiefer und freier. Er ist das Musterbeispiel eines Menschen, der offensichtlich gereift ist, obwohl oder vielleicht gerade weil er kein leichtes Leben hatte. Rembrandt hat im Laufe seines Lebens alles erreicht und alles verloren. Seine Kunst hat darunter aber nicht gelitten.
Kommentar · 05.10.2002 Von Werner Stürenburg
|  |  |  |  | Öl auf Holz, 27,5 × 21 cm. London, Wallace Collection |  |  |  |
| Der Hund ist irritierend und die Frage, was der Künstler sich dabei gedacht hat, meines Wissens nicht zufriedenstellend beantwortet. Er relativiert jedenfalls die hehre Geschichte und stellt sie mitten in das alltägliche Leben.
Auf eine sehr drastische Weise, das gebe ich zu, aber vielleicht muß man manchmal zu drastischen Mitteln greifen, um ein Gegengewicht zu schaffen zur Aura einer Geschichte, die durch die Wiederholung und Überhöhung unwirksam und ungreifbar wird.
Auch andere Stellen des Bildes lassen sich so lesen, etwa der neugierige Zuschauer links im Bilde, die Frau am Brunnen rechts hinten, die nicht einmal aufmerksam wird, der Junge, der das Pferd hält, der Wirt, der die Verhandlung mit dem Samariter führt, selbst der Helfer, der den Verletzten vom Pferd hebt: sie alle tun ohne Aufhebens ihre Pflicht, nichts Besonderes scheint sich zu ereignen, das Leben geht einfach weiter.
Das gilt insbesondere für das Pferd, das wieder, wie schon in der › › › Zeichnung› der letzten Woche, frei herausgestellt ist und die Basis für das Geschehen abgibt. Das Pferd ist einfach treuer Diener, es schaut unglaublich wach den Betrachter an, läßt die Unterlippe hängen und zeigt die Zähne.
Lediglich die Stellung der Hinterbeine läßt etwas zu wünschen übrig. Besonders das rechte Hinterbein müßte nach meinem Empfinden etwas mehr nach vorn, was noch nicht einmal die Komposition stören würde - aber wer bin ich, daß ich das sagen darf?
Rembrandt hat dasselbe Motiv in derselben Größe in einem früheren Gemälde behandelt, wo es natürlich seitenverkehrt erscheint. Dort fehlt der Hund und der sonstige Kleinkram in der rechten unteren Ecke; der Rest ist fast identisch.
Ich kann es nachvollziehen, daß er da was hinhaben wollte. Das undefinierte Dunkle in der linken unteren Ecke des Gemäldes kann nicht überzeugen. Das Pferd ist durch seine Farbe noch mehr herausgehoben, schaut auf dem Gemälde den Betrachter aber nicht direkt an.
Wie in der Radierung steht der Pferdejunge zwar mit gespreizten Beinen in der Gegend, als wollte er sich nicht umwerfen lassen, das Pferd aber macht gar nicht den Eindruck, als müßte es festgehalten werden, und in der Tat hängt der Zügel in beiden Varianten deutlich durch.
Warum hat Rembrandt das Gemälde wiederholt? Einmal sicherlich, um Geld zu verdienen. Eine Auflagengrafik ist billiger, mehr Leute können sie sich leisten, und durch simple Multiplikation kommt schließlich doch ein ganzer Batzen zusammen.
Zum anderen denke ich, wird das Motiv nicht nur Rembrandt gut gefallen haben, sondern auch dem Publikum, und zwar genau so, wie es auf dem Gemälde erscheint. Deshalb die ziemlich genaue Wiederholung: das Publikum braucht sozusagen eine Reproduktion, der Künstler fühlt sich wohl mit seinem Werk und gibt sich alle Mühe, die Wirkung auch in der so gänzlich anderen Technik zu erzeugen.
Der Hund wird für das Publikum seiner Zeit genausowenig wie für ihn selbst anstößig gewesen sein. Erst spätere Zeiten haben sich darüber aufgeregt, wie überhaupt seine Art als sehr derb empfunden wurde, weshalb er nach seinem Tode sehr schnell für 200 Jahre in Vergessenheit geriet.
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