
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
 | | | ...sahen die Wanderer eintreten... |  |  |  |
|  | | | ...kalten Finger unter seine Mähne schob... |  |  |  |
|  | | | Das Kind soll schlafen... |  |  |  |
|  | | | Das Kind schlief in der Krippe... |  |  |  |
| Bei Amazon waren gestern Abend noch zwei Exemplare zu haben; das hat mich nicht besonders gewundert, kurz vor Weihnachten. Heute morgen habe ich beim Verlag entdeckt, daß das Buch überhaupt nicht mehr zu bekommen ist, sondern bereits im Herbst durch eine Neuauflage mit anderen Illustrationen ersetzt wurde.
Da es mir aber auf die Illustrationen ankommt und ich die neuen nicht kenne, bespreche ich die alte Version. Es sind nämlich die Illustrationen, die mir im Gedächtnis geblieben sind, nicht so sehr die Geschichte. Und hier besonders das Pferd, und damit sind wir beim Thema der Pferdezeitung.
Ob der neue Illustrator überhaupt ein Pferd verwendet hat, konnte ich aus dem vom Oetinger Verlag veröffentlichten Beispiel nicht entnehmen. Traditionell wird ja ein Esel und ein Ochse im Stall angesiedelt, während bei der alten Ausgabe das Pferd den größten Teil schon des Titelblattes einnimmt. Er wird wohl nicht umhingekommen sein, denn das Pferd kommt im Text ausdrücklich vor.
Die Präsenz des Pferdes in den Bildern ist ungeheuer stark, während es im Text eine untergeordnete Rolle spielt. Das Pferd ist ein Arbeitspferd, gutmütig, freundlich, verläßlich.
Es ist wesentlich dichter und besser getroffen als die Menschen, die ein wenig unter den stilistischen Vorgaben zu leiden haben. Das mag auch der Grund dafür sein, daß der Verlag nach 30 Jahren neue Illustrationen in Auftrag gegeben hat - obwohl dieses Buch 1970 einen amerikanischen Preis gewonnen hat.
Astrid Lindgren möchte mit der Rahmengeschichte den Eltern helfen, ihren Kindern die Weihnachtsgeschichte plausibel zu machen. Das erreicht sie dadurch, daß sie die Geschichte in eine unbestimmte Vergangenheit und unbestimmte Gegend verlegt ("vor langer Zeit") und ihr jeglichen religiösen Hintergrund nimmt. Damit nimmt sie ihr freilich auch einen Großteil des Zaubers und macht die Geschichte zugleich unwahrscheinlich.
Denn die Menschen und Häuser sehen durchaus so aus, wie man es in unserer Kultur erwarten würde, vielleicht mehr oder weniger schwedisch, aber immerhin so vertraut, daß eben die Identifikation durch den Bezug erleichtert wird.
Und da insbesondere die Menschen sehr modern aussehen, stellt sich die Frage: wo in unserer Vergangenheit und in unseren Landen sind denn wohl Hirten mit ihren Schafen bei Schnee und Eis nachts im Winter unterwegs? Welches Pärchen wandert wohl mit einer Laterne durch die Winternacht, ohne sich um eine Unterkunft gekümmert zu haben, die Frau noch dazu hochschwanger?
Man sieht, es wird hier eine Gratwanderung versucht, die eigentlich mißlingen muß. Aber das ist überhaupt nicht das Wesentliche an diesem Buch. Es ist vielmehr die poetische Atmosphäre, die durch die Worte und die Bilder erzeugt wird, die das Wunder und die Aura der Weihnacht für das Kind verständlich machen sollen. Da spielen die Tiere eine große Rolle, besonders das Pferd - weniger durch den Text als vielmehr durch die Illustration.
Die Kuh ist nützlich, die Frau setzt sich sofort hin und melkt sie. Das Pferd wirkt durch seine Persönlichkeit. Fragen werden nicht gestellt, wie z. B. warum die Kuh überhaupt noch Milch gab, denn sie wird ja abends gemolken worden sein, und ob das nicht Diebstahl ist, ob die beiden nicht besser hätten versuchen sollen, bei den Besitzern der Tiere und des Stalls zu fragen, ob sie irgendwo übernachten dürfen.
Das Wunder der Geburt wird ausgespart und erledigt durch den Satz: "Als die Nacht aber am dunkelsten war, da erklang in der Stille der erste Schrei eines neugeborenen Kindes." Stattdessen wird nun auf den Sternenzauber abgehoben: "Und zur selben Stunde flammten am Himmel alle Sterne auf."
Jetzt kommen die Hirten ins Spiel, die wie die Heiligen Drei Könige das Baby bewundern: nun haben wir wirklich Maria mit dem Jesuskind im Bild. "Der Stern leuchtet um des Kindes willen", sagten die Hirten. "Nie zuvor wurde ein Kind geboren in unserem Stall." Macht das die Andacht plausibel? Führt eine Stallgeburt zum Sternsignal? Leuchtet solche Logik Kindern ein? Leuchtet sie Erwachsenen ein?
Die Mutter bettet das Kind in die Krippe und das Pferd streckt seine Nüstern aus und spitzt die Ohren. Der Pferdekopf ist ganz zentral im Bild und trägt einen Großteil der Wirkung. Auf der nächsten Seite dann das Pferd noch einmal in Großansicht: "Das Kind schlief in der Krippe, ringsum standen stumm die Tiere und die Hirten."
Die Aussage gipfelt in den vier Sätzen der letzten Seite, die illustriert ist mit einer Winterlandschaft, die ich irgendwo in Mitteleuropa ansiedeln würde: ein Ensemble von vier kleinen bäuerlichen Gebäuden und einem großen; darüber ein strahlendes Gebilde, das durchaus als Vollmond durchgehen könnte:
| | Und über dem alten Stall leuchtete der Weihnachtstern. Denn als dies geschah, war es Weihnachten. Ein Weihnachten vor langer Zeit. Das erste Weihnachten. | | |
Logisch gesehen wird hier also Weihnachten durch Weihnachten erklärt. Das kann nicht gelingen. Da die heutigen Menschen zwar am Fest Weihnachten festhalten, die religiöse Bindung und Erklärung aber zunehmend unverbindlicher und uneinsichtiger finden, tut sich hier ein Problem auf, das Astrid Lindgren zwar gern lösen möchte: so geht es aber nicht.
Wie erklären Eltern, die ihren Kindern keinerlei religiöse Erfahrungen und Hintergründe vermittelt haben, das Fest der Weihnacht? Astrid Lindgren reduziert das Geschehen auf das Tatsächliche. Einzig das Sternenspektakel und die unerwartete Reaktion der Hirten heben das Ereignis aus der Alltäglichkeit heraus.
Die besondere Rolle dieses Christkindes wird mit keinem einzigen Wort erwähnt. Zwar setzen die Hirten den Stern mit dem Kind in Beziehung, als Begründung wird aber lediglich geliefert, daß in diesem Stall noch kein Kind geboren wurde - als ob diese Ursache jene Wirkung haben könne.
Die Bilder allerdings sprechen ihre eigene Sprache. Jede Mutter ist mit ihrem Baby sozusagen wieder Maria mit ihrem Kind. Jedes neugeborene Kind ist Hoffnungsträger, oder könnte es zumindest sein. Das Wunder der Menschwerdung vollzieht sich ununterbrochen.
Ich muß diesen Gedankengang wohl ein bißchen erläutern, damit er verständlich wird. Alle Darstellungen der Weihnacht müssen eine Mutter und ein Kind darstellen. Selbst wenn es sich eindeutig um Maria und Jesus handelt, so sind doch eine individuelle Frau und ein neugeborenes Baby zu erkennen.
Die Maria von Schongauer (siehe z. B. Heilige Familie) ist eben eine gotische Frau, wie sie im Kölner Adel vorgekommen sein muß, aber schon in Bayern oder gar in Polen, Griechenland oder Palästina derselben Zeit wäre sie undenkbar: dort sieht also eine Heilige Familie anders aus; in jedem Fall trägt diese individuelle, persönliche Züge.
Wenn umgekehrt zum Beispiel Picasso eine Mutter mit Kind malt, ohne dabei religiöse Bezüge zu beabsichtigen, schleichen sich trotzdem unvermittelt Anwandlungen von Heiliger Familie ein (siehe z. B. Mutter und Kind und vier Handstudien aus der rosa Periode oder, stellvertretend für eine ganze Serie, als er 1921 selber zum ersten Mal Vater wurde: Mutter und Kind 1, 2, 3, 4).
Eine Mutter und ein Baby, das ist sozusagen immer schon eine Heilige Familie. Das heilige Geschehen kann sich einerseits nur über konkrete Modelle realisieren, und umgekehrt hat jedes konkrete Erleben Anteil am heiligen Geschehen.
Wir haben damit das Geheimnis der Gegenwart Gottes im Dasein erkannt, oder anders gesagt: das Dasein ist Verwirklichung des Göttlichen, und jegliches Seiende hat durch sein Sein und Dasein bereits Anteil daran, ist genauer gesagt göttlich, weil es eben Anderes nicht gibt.
Dieses Allgemeine wird aber in der Weihnacht spezifiziert insofern, als das Kind der Weihnacht ein besonderes ist, Gottes eingeborener Sohn, und indem man diese Eigenart unter den Tisch fallen läßt, verfehlt man den besonderen Sinn des weihnachtlichen Geschehens.
Die Erzählung von Astrid Lindgren behandelt das Dasein des Kindes nebenbei; nicht einmal das Wunder der Geburt, der Eintritt in das Leben, die Entstehung von Leben, ist spürbar im Text, lediglich in den Bildern. Es kann nicht gelingen, das Wesen der Weihnacht zu erklären, wenn man das göttliche Geschehen um eben diese Dimension beraubt.
Infolgedessen muß die gesamte Geschichte blaß bleiben. So habe ich mich zwar genau an das Pferd und dessen Wirkung erinnert, aber nicht an die Geschichte an sich, und ich war natürlich auch nicht berührt davon. Ich glaube nicht, daß ich sie häufig vorgelesen habe oder daß sie meinen Kindern Eindruck gemacht hat.
Nur Bilder und von diesen nur das Pferd sind bei mir hängengeblieben. Ich habe mich dieser Tage daran erinnert und in der Bibliothek gesucht. Meine Tochter Leevke, die mir dabei half, konnte sich überhaupt nicht erinnern, aber ich war hartnäckig und habe das Buch schließlich gefunden.
Die Erinnerung hat mich nicht getrogen: die Bilder mit dem Pferd gefallen mir immer noch sehr gut. Der Illustrator muß wirklich etwas von Pferden verstehen, vor allem aber: er wird sie lieben, die wunderbaren Arbeitspferde.
Wie die Sache nun in der Neuausgabe gelöst worden ist, kann ich nicht beurteilen. Urteilen Sie selbst!
erschienen 22.12.02
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