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Buch-Rezension · ...und ritt nur zu meinem Vergnügen
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Hübener, Eberhard

...und ritt nur zu meinem Vergnügen
Mit einem Geleitwort von Dr. Reiner Klimke
Reihe NOVA HIPPOLOGICA

489 S. mit zahlr. Abb.
Hildesheim 1996, 2. Aufl. · Olms, Hildesheim
ISBN 9783487083513


15,24 EUR      Bestellen


Der Verlag sagt über das Buch:

Erstveröffentlichung! / Original Publication! Titel der OLMS PRESSE!

Klappentext

Dies sind Erinnerungen eines "Freizeitreiters". An die Eltern, die ihn in den Sattel hoben, an Meister, die ihn unterrichtet haben, an Menschen, die ein Stück Wegs mit ihm geritten sind. Und natürlich an die Pferde.

Ein Bericht über die Kindheit in Guben/Mark Brandenburg, damals "Heidelberg des deutschen Ostens". Über die vormilitärische Ausbildung. Und über die Flucht im Einspänner quer durch das Reich.

Der Junge erlebt Herrschaft und Ende der braunen Diktatur, Bewußtwerden dessen, was geschehen ist. Scham und Hoffnung, Verlust der Heimat, erste Liebe, Trümmerhalden, Hunger, Kälte, Abschied von Pferd und Reiterei.

Fast zwei Jahrzehnte später kehrt ein gestandener Mann zu den Pferden "heim". Zielsetzung "nur zum Vergnügen" und "Familiensport".

In Winsen/Luhe, am Rande der Lüneburger Heide, wird er in Sachen Reiterei zum Lehrer seiner Frau und seines Sohnes, erwirbt er auch den eigenen Vollblüter.

Lebensbericht, Pferde- und Heimatbuch, ein Stück Zeitgeschichte und Familienchronik, Hohes Lied auf eine wunderbare Frau. Nachdenklich, unterhaltsam, spannend. Ein Lesebuch zum Liebhaben. Eine Fundgrube für fachlich interessierte Reiter.

"Sein Pferdebild ist die Totale, die Verstand und Herz und alle Sinne einbezieht..."
(Wolfram Baentsch/Die Welt)


» www.Olms.de





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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Meine Meinung zu dem Buch:
von   Werner Popken

In Ausgabe 294 habe ich das neue Buch von Klaus Penquitt rezensiert ( Mein Übungsbuch). Aus diesem Anlaß recherchierte ich ein wenig über Penquitt und bin dabei auf eine Webseite gestoßen, die allein schon durch den interessanten Titel mein Interesse geweckt hat: » www.reiten-lesen-denken.de. Wer denkt sich so etwas aus? Wer steckt dahinter? Was meint derjenige damit?

Natürlich hatte ich nur wenig Zeit, fand aber vier Seiten auf Anhieb so interessant, daß ich diese mit Hilfe des » InternetSammlers archivierte. Dieses kostenlose Werkzeug ist mir inzwischen so unentbehrlich geworden, daß ich die 15 EUR für das Power Paket gern gezahlt habe. Jetzt kann ich beliebig viele Dokumente archivieren, während die Anzahl bei der kostenlosen Version auf 100 beschränkt ist.

Google hatte den Aufsatz » Die Genealogie eines Irrtums ... von Eberhard Hübener gefunden, der den Begriff "Penquitt" enthielt:

1993 meint der Ex-Europameister im Westernreiten Claus Penquitt ...

... richtig: "[....] wenn das Pferd im Schritt sein Hinterbein angehoben hat und im Begriff ist, mit diesem Bein vorwärtszutreten, muß im gleichen Moment der gleichseitige Schenkel als treibende Hilfe mit entsprechendem Druck angelegt werden." (S. 80)

... falsch: "Hebt also ein solches Pferd [mit schwer auszusitzenden Trabbewegungen] ein Hinterbein vom Boden ab, so hebt sich diese Seite des [Pferde-] Körpers so stark an, daß es deutlich zu spüren ist." (S. 65)

Die zugehörige Zeichnung – ähnlich Abb. 2 – ist genauso falsch, wie die von Abel, selbst wenn der Reiter hier statt Kappe Stetson trägt.

In einer zweiten Auflage des Penquitt-Werkes soll der Irrtum inzwischen behoben sein.

Der Aufsatz trägt den Untertitel: "... bei den Überlegungen zum Zustandekommen und zum richtigen Moment der quasi selbsttätigen, wechselseitigen Schenkelhilfe." Hübener zeigt darin, daß eine falsche Behauptung sich über 100 Jahre hinweg halten kann. Auf seine Anregung hin konnte seine Erkenntnis, daß die Bewegungsabläufe von Pferd und Reiter anders als gelehrt ablaufen, mit Hilfe von Videosequenzen bewiesen werden.

Der nächste Aufsatz, der mich interessierte, heißt: » Vom Reiten zur Reitkunst. Er wurde in Pferd & Freizeit, der Verbandszeitschrift des VFD, veröffentlicht (Nr. 3/2000). Das Literaturverzeichnis zu diesem Aufsatz zählt unter anderem zwei Bücher des Autors auf:

  • ... und ritt nur zu meinem Vergnügen, Olms Presse, Hildesheim 1994
  • Schmeichelnder Sitz, atmender Schenkel, flüsternder Zügel , Olms Presse, Hildesheim 1999
So kam es, daß ich beim Olms Verlag Rezensionsexemplare erbat. Ich begann meine Lektüre mit dem zweiten Buch, merkte aber schnell, daß dieses eine Zusammenfassung verschiedener Aufsätze ist und das erste Buch gewissermaßen voraussetzt. Also schwenkte ich um auf die Lebenserinnerungen. Das Geleitwort von Dr. Reiner Klimke beginnt mit dem Satz:

Diese Erinnerungen eines "Freizeitreiters" - sie lesen sich übrigens, nicht zuletzt wegen ihrer zeitgeschichtlichen Einbindung, wie ein spannender Roman - künden auf jeder Seite davon, wieviel Freude Menschen im Sattel und im Umgang mit Pferden erfahren.

Die Einleitung heißt "Aufgalopp".

Meine Frau und ich sind morgens um sieben aufgesessen. Die Pferde marschieren am langen Zügel zwischen Kälberkoppel und Graben zum Wald. Ingi reitet die brave Schimmelstute Treue, eine Irish Draught, die zum Inventar des Reiterhofs gehört. Mich trägt der eigene Braune, Onedin, ein ebenfalls in Irland gezogener Vollblüter. Im Bodennebel vor uns hebt und senkt ein Fischreiher seine mächtigen Schwingen vier-, fünfmal, stößt mit den Ständern noch ein wenig ab, gleitet dicht über der Erde vor uns her, landet, zögert, startet erneut, fliegt eine Schleife und setzt seine Nahrungssuche am Grabenrand neben dem gerade von uns passierten Wegstück fort.

[...] In weichen, federnden, kraftvollen Sprüngen setzen die Pferde nebeneinander über die tauspritzenden Stoppeln, schnauben vergnügt und genießen den jungen Tag. Kurze Schrittreprise über den Wirtschaftsweg. Neuer Galopp. Am Ackerrand Rainfarn, Schafgarbe, Hasenpfötchen, Hagebutte. [...]

"Sind wir nicht Königskinder?" frage ich.

Ingi reitet mir zuliebe. Nie zuzugeben, daß ihr der Umgang mit den Rössern Freude macht, gehört zu einem mühsam bewahrten Ritual. [...] Dabei ist sie so fröhlich und unbeschwert, daß sie mir ihr Glück zu Pferde nun wirklich nicht noch amtlich attestieren lassen muß.

Wir sind wieder am Stall und versorgen die Pferde und das Sattelzeug. Für den Brötchenverdiener ist es jetzt höchste Zeit! [...] Und auf geht's ins Büro. Erfrischt, gestärkt und seelisch aufgerüstet für einen neuen, ziemlich harten 10 Std.-Arbeitstag. [...]

Der Autor ist 1928 geboren. Sein Vater war leidenschaftlicher Reiter, seine Mutter ritt seinem Vater zuliebe, und zwar nicht schlecht - im Damensattel, was, wie ich gestern bei der "Nacht der Pferde" sehen konnte, in keiner Weise zu behindern scheint ( Steigen im Damensattel). Kein Wunder, daß die beiden Söhne ebenfalls früh in den Sattel kamen. Dabei hatte der Autor (und natürlich auch die erwachsenen Schüler) das Glück, den begnadeten Reiter Nicolai Witte als Lehrer zu bekommen. Im erwähnten zweiten Buch hat der Autor diesem ehemaligen Rittmeister der zaristischen Armee ein Denkmal gesetzt - das hatte ich bereits gelesen. Jetzt wurden mir die Zusammenhänge klar.

Witte muß ein Meister vom Schlage eines Egon von Neindorff gewesen sein, der ebenso wie dieser unmittelbar auf seine Schüler gewirkt hat, aber im Gegensatz zu von Neindorff keine Zeit gefunden hatte, seine Erkenntnis und Methoden schriftlich niederzulegen - bis auf eine kurze Abhandlung, die der Gegenstand des erwähnten Aufsatzes ist.

In den Erzählungen des Vaters greift der Autor noch einmal weiter zurück. Insbesondere der Erste Weltkrieg, den der Vater ganz miterlebt und trotz fünf Verwundungen überlebt hat, wird schrecklich lebendig. In der Rezension der Vorwoche ( Kamerad Pferd) hatte ich bemerkt, daß die Geschichte der Pferde im Kriege dort nicht zu finden ist - hier wird sie auf wenigen Seiten so lebendig, daß mein Bedarf vorerst gestillt ist. Ganz nebenbei wird auch noch deutlich, daß der Krieg für den Vater trotz aller Greuel, die ja auch im Ersten Weltkrieg unerhört, entsetzlich und traumatisierend waren, noch gewissermaßen eine "Unschuld" hatte, die hierzulande ganz verloren gegangen zu sein scheint, weshalb wir die Kriegslust amerikanischer Machart gar nicht mehr nachvollziehen können.

Bekanntlich blieb es nicht beim Ersten Weltkrieg; der Vater wurde erneut eingezogen, diesmal als Arzt. Bruder Joachim dann mit 17 Jahren im Herbst 1942:

Bald darauf schreibt er mir, fliegt mich um Hilfe an: Bruderherz hat einen Zackeler erwischt. Wie stellt man Zackeln ab?

Ich schreibe ihm die einschlägigen Passagen aus meiner "Reitlehre" von Wilhelm Müseler ab.

Sein Pferd stehe nicht an den Hilfen. Zuerst müsse es daher wieder lernen, auf die treibenden Einwirkungen hin vorwärts zu gehen, sei das erreicht, müsse er's nach innen stellen, lasse sich sein Pferd nach innen stellen, solle er ihm den Weg in die Tiefe zeigen, habe es von sich aus den Weg in die Tiefe gefunden, müsse er es dort den Zügel finden lassen, habe es von sich aus den Zügel angenommen, müsse er's durch halbe Paraden aufnehmen.

Achim antwortet, mit solch umständlichen Anweisungen sei ihm beim Barras nicht gedient, er brauche ein Patent-Rezept.

Ich korrespondiere mit Nicolai Witte.

Der empfiehlt, das Pferd durch Treiben im Trab an den Zügel zu bringen und anschließend in den Schritt durchzuparieren. Oder solange zackelnd Volten zu reiten, bis das Pferd Schritt anbiete. Oder ständig die Richtung zu wechseln in dem Sitz, den er mich für Wendungen gelehrt habe, mal nach halbrechts, mal nach halblinks. Oder es dem Schenkel weichen zu lassen, mal dem linken, mal dem rechten.

Als Joachim diese Ratschläge erreichen, hat er bereits ein anderes Pferd mit anderen Problemen.
Seite 109/110

Der Autor ist zu diesem Zeitpunkt immer noch Teenager. Die Katastrophe, die Flucht ist noch nicht in Sicht. Es folgt die Nachkriegszeit, das Studium. Und danach dauert es 17 Jahre, bis er sich wieder in den Sattel schwingen kann. Da ist er bereits über 40, hat selbst zwei Kinder, die dem Reiz der Pferde erliegen, eine Frau, die als Erwachsene erstmals in den Sattel steigt und zunächst nicht verstehen kann, wie so etwas Vergnügen bereiten soll.

Beruflich zeichnet sich der Autor durch sprachliches Vermögen aus, bewährt an technischen Sachverhalten. "Reiten! Lesen! Denken!" ist eine Devise, die als Zusammenfassung einer Persönlichkeit verstanden werden kann, die uns ganz besondere Botschaften vermittelt. Spannend ist dieses Buch, zweifellos, aber viel aufregender sind die Reflexionen, die ich im Buch der letzten Woche so schmerzlich vermißt habe.

Dieses Buch ist 1994 erschienen und erlebte 1996 eine zweite Auflage. Das ist lange her. Mit anderen Worten: Die Restauflage liegt schwer in den Regalen. Immerhin hält der Verlag noch daran fest und verramscht das Buch nicht, vielleicht noch nicht. Ich wünsche diesem Buch viele, viele Leser. Natürlich ist es vor allen Dingen für Reiter oder besser gesagt: für alle Pferdeliebhaber interessant, auch und besonders für junge Menschen, die dadurch auch etwas über ihre Vergangenheit lernen, über ihr Land und ihre Geschichte. Darüberhinaus aber für alle, die sich mit dem Reiten an sich auseinandersetzen. Möge dieses Buch eine dritte und weitere Auflagen erleben!

Es endet mit der Pensionierung und der Sehnsucht nach einem Leben mit den Pferden, ohne Pendeln zwischen Wohnhaus und Reitstall. Der Autor gab schließlich eine Suchanzeige im St. Georg auf. Ob sich dieser Wunsch in der Zwischenzeit hat realisieren lassen? Kürzlich hatte jemand eine Anzeige in der Pferdezeitung geschaltet, um seinen Traum vom Alter mit Pferden Wirklichkeit werden zu lassen. Denn nicht nur die Pferde werden alt. Eberhard Hübener entdeckte jedenfalls mit Hilfe seines Sohnes die moderne Technik und hat das Internet zu seinem Werkzeug gemacht. So kann er seine Gedanken frei publizieren, ohne von Verlegern abhängig zu sein. Auch dafür wünsche ich ihm ein interessiertes und engagiertes Publikum!


erschienen 28.11.04




Siehe auch die folgende Rezension:
Ausgabe 297, Hübener, Eberhard:  Rezension/297




Hübener, Eberhard

...und ritt nur zu meinem Vergnügen
Mit einem Geleitwort von Dr. Reiner Klimke
Reihe NOVA HIPPOLOGICA

489 S. mit zahlr. Abb.
Hildesheim 1996, 2. Aufl. · Olms, Hildesheim
ISBN 9783487083513


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