
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Stuten und Sex Von › Werner Popken
Als ich das Buch Horse Feelings, das in der heutigen Ausgabe besprochen worden ist, gelesen habe, mußte ich mich oft wundern. Die Verhaltensforscher, die in dem Buch ausgiebig gewürdigt werden, befinden sich offenbar erst ganz am Anfang Ihrer Arbeit.
Sie fragen anscheinend niemals, ob irgend jemand schon Beobachtungen oder Erfahrungen gemacht hat, sondern gehen von Theorien aus, die dann mühsam durch Beobachtungen korrigiert werden müssen. So schreibt die Autorin auf Seite 148 unter der Überschrift EIN STARKES GEFÜHL:
| | Selbst hartgesottene Behaviouristen wagen inzwischen kaum mehr, die Existenz von Mutterliebe abzustreiten. Für ein pures, vom Egoismus der Gene gesteuertes Reiz-Reaktions-Schema ist das Verhältnis zwischen Tiermüttern und ihrem Nachwuchs nämlich zu differenziert und zu flexibel und dazu sind auch bei den meisten sozial lebenden Individuen die Trauerreaktionen bei Verlust des Kindes zu ausgeprägt. | | |
Die Theorie hat also Vorrang. Der Wissenschaftler stellt sich das Tier wie eine Maschine vor: hier drücke ich einen Knopf, dort passiert immer und unausweichlich dieses oder jenes. Wie arm dran müssen diese Menschen sein? Haben die noch niemals Tiere beobachtet? Man braucht doch bloß seinem Hund in die Augen zu schauen (in der Annahme, daß sich ein Verhaltensforscher kein Pferd leisten kann).
Das ganze Kapitel beschäftigt sich mit Gefühlen aus der Sicht eines Verhaltensforschers, d. h. also unter dem Gesichtspunkt: inwiefern kann eine Art durch die Entwicklung von Gefühlen einen Vorteil im Überlebenskampf erhalten? Die Autorin schweift ab und schreibt über Brieftauben und Lachse, um den Begriff der Redundanz zu erläutern: also den Einsatz verschiedener Systeme, die dasselbe leisten, damit bei Ausfall des einen das andere die Arbeit übernehmen kann.
Nach dieser Einleitung fährt sie fort:
| | Diese "redundanten" Systeme erscheinen einem fast klein, wenn man das größte anschaut, das der Evolution eingefallen ist: Das Gefühlsleben. Es ist bei den höher entwickelten Tieren die Sicherung, die dafür sorgt, daß der Trieb zur Vermehrung nicht alles zu leisten hat. | | |
So so, die Evolution macht das also alles. Früher hat man Gott bemüht, aber das schickt sich nicht mehr. Ob die Wissenschaftler damit einen Schritt weitergekommen sind? Wer ist die Evolution? Wieso fällt der etwas ein?
Nun wird die Autorin sicherlich die Menschen auch zu den höher entwickelten Tieren zählen, und eines davon bin ich. Einen Trieb zur Vermehrung habe ich bisher noch nicht gefunden. Tut mir leid. Deshalb muß wahrscheinlich das redundante Systeme her, damit ich mich vermehren kann. Wie sieht das jetzt aus?
| | Vermutlich hat es mit einem relativ einfachen Gefühl angefangen: der Freude am Sex. Das kennen nämlich die meisten männlichen und - wie man inzwischen weiß - nicht wenige weibliche Tiere. Es sorgt dafür, daß der Vermehrungstrieb verstärkt wird. | | |
So also stellt sich der Verhaltensforscher die Mechanik vor. Ein Trieb, den ich noch nicht an mir entdeckt habe, wird durch die Freude am Sex verstärkt. Das sollte ich jedenfalls kennen, da ich männlich bin, wenn ich nicht zu der Minderheit gehören sollte, die daran keinen Spaß hat. Das ist nicht der Fall, Gott sei Dank.
Ich kann mich erinnern, daß ich zu Anfang meines Studiums bei Freunden eingeladen war, die verheiratet waren, was damals wie heute ungewöhnlich ist. Die junge Ehefrau hatte sich ein Taschenbuch aus dem Verlag dtv gekauft, wahrscheinlich ebenfalls von Verhaltensforschern geschrieben.
Man hatte sich damals auch nicht die Mühe gemacht, die Frauen zu befragen, sondern schloß von den Kühen und anderen Tieren und deren Reaktionen, daß die Natur (oder Evolution) es nicht für nötig gehalten hatte, dem weiblichen Teil einer Spezies Spaß am Sex zu spendieren. Also keine Redundanz, schade. Pech gehabt, meine Damen, oder?
Da hat die Verhaltensforschung inzwischen wohl dazugelernt, wie ja auch die Autorin betont: nicht wenige weibliche Tiere haben Spaß am Sex. Neueste Umfragen zeigen allerdings, daß der Prozentsatz bei den Frauen nach wie vor nicht besonders hoch ist.
Wenn man nun bedenkt, daß man die Tiere nicht fragen kann, wird deutlich, wie schwierig es für einen Verhaltensforscher ist, eine solche Frage zu beantworten. Da hält man es doch vielleicht lieber mit der Theorie.
Denn wie will man die Gefühle eines anderen Menschen bewerten? Man kann seine eigenen Gefühle ja schon kaum selber fassen, geschweige denn kommunizieren. Und nun gar auf einen so komplizierten Gebiet wie dem Sex! Fahren wir also wohlgemut in der Theorie fort!
| Und darüber hinaus motiviert es die Herren der Schöpfung vermutlich sogar, sich für den Genuß, der mit Vermehrung einhergeht, richtig anzustrengen. Das wiederum erhöht in vielen Fällen die Chance der Muttertiere, ihren Nachwuchs erfolgreich aufzuziehen. Beim Pferd zumindest ist dem so. Damit ein Hengst in der Natur überhaupt zum Zuge kommt, muß er nämlich erst einmal eine Stute von seinen Vaterqualitäten überzeugen. Schon das ist mit einigem Aufwand verbunden, denn schließlich hat er ja Konkurrenz. Und sie bleibt ihm auch erhalten, wenn er eine Stute überreden konnte, mit ihm das Fortpflanzungsgeschäft zu starten. Ergo muß er, um eine zweite Chance zu bekommen, die Dame irgendwie an sich binden - also noch mehr Aufwand betreiben. | | |
Nun bin ich aber vollkommen fertig. Wenn ich hier Hengst mit Mann und Stute mit Frau vertausche, wird ein Schuh draus - Emanzipation hin oder her. Einem Pferd zu unterstellen, es wolle zielgerichtet ein Fortpflanzungsgeschäft starten, halte ich für wissenschaftlich unzulässig. Da wir doch munter drauflos projiziert, meine Damen und Herren Verhaltensforscher, oder sehe ich da etwas falsch?
Aber es geht weiter, und zu diesem Passus kann ich etwas aus eigener Beobachtung beitragen. Hier bin ich wirklich aufgewacht und aufmerksam geworden.
| | Stuten scheinen am Sex nicht sehr interessiert zu sein. Beim ersten Mal schauen sie vielleicht etwas ängstlich, aber schon beim zweiten Mal wirken sie meist ziemlich gelangweilt. Sie bringen den Deckakt hinter sich, ohne daß er sie sehr zu beeindrucken scheint. Aber dafür haben Stuten großes Interesse an ihrem Nachwuchs - wobei wiederum nicht nur der Vermehrungstrieb, sondern ein Gefühl eine Rolle spielt: Mutterliebe. | | |
Womit wir wieder beim Thema des Abschnittes sind. Diese These, daß Stuten am Sex nicht interessiert sind, möchte ich vehement bestreiten. Und dazu gebe ich meine Beobachtung wieder, die sich allerdings nur auf eine einzige Situation und eine einzige Stute bezieht. Diese Situation ist allerdings unmißverständlich und läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
Merles Stute Cara war trächtig, als wir sie kauften - diese Tatsache wurde im darauffolgenden Winter offenbar. Das Fohlen wurde im Frühjahr nachts auf der Weide geboren und in den nächsten Tagen von der Mutter eifrig trainiert.
Im darauffolgenden Jahr entschloß ich mich, ein weiteres Hengstfohlen im selben Alter zu kaufen, um dem Jährling einen Spielkameraden zu verschaffen, denn inzwischen nervte er die erwachsenen Pferde doch sehr.
Als wir den Neuankömmling zu den anderen auf die Weide stellen wollten, gab das statt des erwarteten Jubels ein Hauen und Stechen, so daß der Neue fliehen mußte. Eine üble Situation!
Nur Cara verhielt sich merkwürdig. Sie stellte sich mit dem Hinterteil in die Richtung, in der wir den kleinen Hengst außerhalb der Weide auf und ab führten, um nachzudenken und Ruhe in die Situation zu bringen.
Und da stand sie nun und blinkte unaufhörlich mit ihrer Scheide und ließ ab und zu etwas Wasser. Wir wunderten uns und machten uns schon Gedanken, ob sie wohl gesundheitliche Probleme hätte und wir den Tierarzt holen müßten.
Weit gefehlt! Sie war rossig und hatte spitz gekriegt, daß dieser Hengst, obwohl gleichaltrig mit ihrem Sohn, schon bereit war, die Rolle zu spielen, nach der sie jetzt verlangte.
Eine Woche später machten wir einen neuen Versuch, und inzwischen hatte ich begriffen, was hier vor sich ging, aber ich hatte gehofft, daß ihr Verlangen inzwischen vergangen war.
Wieder hatte ich mich getäuscht, und nun begriff auch der Hengst, was seine Rolle in diesem Spiel war. Die anderen waren unverändert feindselig, aber Cara ließ sich dadurch nicht beirren. Sie umgarnte ihn, turtelte, schmuste, bis er seine Furcht und Scheu verlor und Anstalten machte, sich mit ihr zu vereinigen, worauf sie die ganze Zeit hingearbeitet hatte.
Ich beobachtete das faszinierende Schauspiel gewissermaßen fassungslos, bis bei mir endlich der Groschen fiel und mir die Konsequenzen vor Augen standen: noch ein Fohlen im nächsten Jahr wollte ich uns nicht zumuten. Das tat mir unendlich leid für die Beiden, aber hier mußte ich einschreiten.
Nun konnte ich doch unmöglich Wache schieben; also mußten die Beiden getrennt werden, und da ich den Kleinen nicht allein lassen konnte, mußte der andere Jährling mit. So haben sie sich anfreunden müssen und gemeinsam auf den Tierarzt gewartet, der sie dann kastriert hat. Schade! Im Herbst ist Cara gestorben. So war es doppelt schade.
Nun kann ich natürlich nicht behaupten, daß Cara Freude am Sex hatte; Interesse, enormes Interesse hatte sie aber unbedingt. Und erkennbar mindestens soviel Freude wie am Fressen.
Und was beobachten Sie? Was wissen Sie über das Geschlechtsleben Ihrer Stute? Allgemein höre ich, daß Stuten zuweilen zickig sind. Ist das der richtige Ausdruck?
Drehen wir einmal den Spieß um: wie würden denn wir Menschen reagieren, wenn uns der Ausdruck unserer Sexualität genommen würde? Würden wir auch zickig werden?
Beobachten Sie doch mal! Verhaltensforschung macht Spaß! Bei Pferden und Menschen.
Siehe auch Leserbrief 1041 und Leserbrief 1045
erschienen 10.11.2002
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