Der Esel Rembrandt van Rijn, Niederlande Der barmherzige Samariter bei der Herberge um 1648/50, 19,7x20,5 cm Federzeichnung, nicht signiert Weimar, Staatliche Kunstsammlungen Heute die letzte Arbeit von Rembrandt zum Thema "Barmherziger Samariter" (siehe › › › Samariter› , › › › Herberge› , › › › Barmherzigkeit› ). Auch diese Zeichnung ist weder datiert noch signiert. Sie ist völlig anders als die anderen, nicht nur, weil das Pferd durch einen Esel ersetzt worden ist. Rembrandt van Rijn, 1606-1669 ist nicht nur als Maler, sondern auch als Zeichner und als Radierer berühmt. In jeder Hinsicht wurde seine Kunst im Laufe seines Lebens größer, tiefer und freier. Er ist das Musterbeispiel eines Menschen, der offensichtlich gereift ist, obwohl oder vielleicht gerade weil er kein leichtes Leben hatte. Rembrandt hat im Laufe seines Lebens alles erreicht und alles verloren. Seine Kunst hat darunter aber nicht gelitten. Kommentar Von Werner Stürenburg Ich zitiert zunächst aus meiner Quelle: Rembrandts letzte Darstellung der Ankunft bei der Herberge übertrifft an Aussagekraft alle vorangegangenen. Die genau akzentuierte Hauptgruppe ist soweit wie nur eben möglich in den Vordergrund gerückt worden, so daß der Betrachter stärker als in den vorangegangenen Werken in das Geschehen mit einbezogen wird. Der Wirt und seine Frau beobachten den Samariter dabei, wie er die Stricke losbindet, mit denen er den unter die Räuber gefallenen Mann auf sein Lasttier gebunden hatte. Wie schon in der Radierung von 1633 hält auch hier ein Junge die Zügel des Tieres fest. | | Kein Wort darüber, daß das Lasttier nunmehr einen Esel ist. Wie das? Nun, die Kunsthistoriker interessieren sich weder für Pferde noch für Esel. Obwohl das Pferd in den vorangegangenen Arbeiten jeweils im Mittelpunkt gestanden hatte, war es dem Autor gleichgültig und nicht erwähnenswert. Wie gut, daß Rembrandt die Sache anders sieht und sich jeweils sehr viel Mühe gegeben hat. Warum aber tauscht er jetzt das Pferd gegen einen Esel aus? Pferd oder Esel? Wir hatten früher bereits bemerkt, daß das Gleichnis offenläßt, welche Art Reittier der barmherzige Samariter benutzt. Die Verwendung eines Pferdes ist sinnvoll aus der Perspektive der Zeitgenossen, denn in den Niederlanden Rembrandts werden die Esel eher selten gewesen sein und auf keinen Fall Reittiere für gut betuchte Leute, wie der Samariter offenbar einer ist, da er großzügig für die Pflege des Kranken aufkommen kann. Zu biblischen Zeiten hingegen dürften Pferde die große Ausnahme dargestellt haben, weshalb im Regelfall ein Esel benutzt wird. Auch die biblischen Darstellungen Rembrandts zeigen oft Esel, vor allem bei der Darstellung der Flucht nach Ägypten, wo Maria mit dem Jesuskind auf dem Esel reitet. Der Esel kann geradezu als Sinnbild des treuen Dieners gelten, der so gutmütig ist, daß er sich nicht einmal einem fortgesetzten Mißbrauch widersetzt. Im Gegensatz zum Pferd eignet sich der Esel kaum dazu, herrschaftliche Ansprüche zu symbolisieren. Er ist tiefer angesiedelt, ihm fehlt jedes Strahlende, er ist grau und struppig, er ist tatsächlich ein Lasttier, während ein Pferd Lasten nur im Ausnahmefall trägt: entweder reitet jemand oder das Pferd zieht einen Wagen. Wie schon bei den anderen Bildern spielt der Esel in der Komposition eine wichtige Rolle. Die Rückenlinie teilt das Bild in zwei Hälften, die Beine teilen das Bild in der Senkrechten, die Einzelheiten sind spielerisch und zugleich präzise erfaßt. Das Maul gefällt mir nicht ganz so gut, aber insgesamt wird wie in den anderen Blättern überdeutlich, daß das Tier die tragende Rolle hat, und es hat sie gerne inne, es muß gar nicht festgehalten werden, es spricht vielmehr mit dem Burschen, der natürlich ebenso virtuos erfaßt ist. Früher hat man mehr gezeichnet, heute fehlt dazu die Zeit, aber vielleicht fahren Sie einmal mit den Augen die einzelnen Linien nach und genießen die Arbeit. Zeichnen ist eine Kunst für sich, es ist eine Ausdrucksform, und so wie keine zwei Menschen sich gleichen, zwei Hände, zwei Handschriften, so gleichen sich auch die Zeichnungen verschiedener Menschen nicht, oder anders gesagt: jeder bringt sich mit seiner Art vollkommen zum Ausdruck. Hier also nun der Künstler Rembrandt im Alter, menschlich gereift, gesellschaftlich gesunken, zurückgeworfen auf sich selbst, vermutlich Trost und Rückhalt suchend in der Bibel. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt einen gereiften Menschen mittleren oder höheren Alters, der das Notwendige tut, weil er mitfühlt. Er kann nicht wegschauen. Dazu muß er nicht lange überlegen, das ist eine Selbstverständlichkeit, auch wenn es für die anderen noch lange keine ist. Darüber gibt es keine Diskussion, der Samariter handelt souverän und regelt die Angelegenheit in seinem Sinne. Es muß gar nicht gefragt werden, warum er das tut oder was er davon hat. Er tut das Richtige. Man mag sich fragen, woher er das weiß. Diese Frage ist müßig, denn jeder Mensch hat so etwas wie ein Gewissen, und keiner weiß, woher er das hat. Dieses Gewissen sagt ganz genau, was richtig ist. Das mag manchmal überlagert sein, so daß der Priester und der Levit meinen, sie könnten einfach so vorübergehen. Wenn diese aber in sich hineinhören würden, würden sie herausfinden, daß sie falsch gehandelt haben. Im Angesicht des Todes werden sie sich erinnern. Die Handlung Der Samariter ist diesmal persönlich beteiligt, er knüpft das Opfer eigenhändig los und man kann sich vorstellen, daß er den Mann auch eigenhändig auf den Esel gewuchtet hat, um ihn dort sorgfältig festzubinden. Wie transportiert man einen halb Erschlagenen auf einem Esel? Rembrandt zeigt es uns ganz genau. Diese Art des Transports ist vermutlich genauso angemessen wie ein Krankentransport heutzutage, wenn auch sicherlich schmerzhafter für den Kranken, da die Bewegungen des Esels doch ausladender sind als die kurzen Stöße eines modernen Autos. So gibt sich denn das Opfer ganz seinem Leiden hin, und da wir Gegenstände auf dem Kopf nicht angemessen interpretieren können, habe ich den Kopf des Mannes gedreht, damit wir seinen Zustand würdigen können. Rembrandt hat einen Menschen gezeichnet, der ausgeschaltet ist, der Hilfe braucht, dessen Leiden ganz im Vordergrund steht. Im Hintergrund der Wirt und seine Frau, die hier erstmals ins Spiel kommt, eine Erfindung Rembrandts wie auch der Junge - beide kommen im Gleichnis nicht vor, sind aber durchaus plausibel. Die beiden sind offensichtlich alt, sie haben Vieles gesehen im Leben und sie sind voller Mitgefühl. Erstaunlich wiederum, wie Rembrandt es schafft, mit wenigen Strichen Persönlichkeiten zu erschaffen. Schauen Sie sich nur einmal die Münder und die Augen an! Ich finde es immer wieder unfaßbar, wie so etwas möglich ist! Diese beiden Menschen sind offensichtlich ein Paar, sie vertrauen einander, sie gehören zueinander, sie hören aufeinander und sie verlassen sich aufeinander. Vermutlich lieben sie einander. In diesem Blatt stehen sie ganz im Hintergrund, sie sind Nebenfiguren und doch sind sie eine ganze Welt für sich. Sie wiederholen noch einmal das Thema des Mitgefühls, das im Zentrum des Gleichnisses steht. Sie werden sich um den Kranken kümmern und ihn gesund pflegen, obwohl sie ihn gar nicht kennen. Der Samariter vereinnahmt sie, er bezieht sie in die Geschichte ein, sie werden ihre Rolle übernehmen. Und der Überfallene? Er wird es sich gefallen lassen müssen. Auch das ist nicht leicht: sich helfen lassen. Wenn man nicht mehr kann, bleibt einem nichts anderes übrig, aber darum muß es einem keinesfalls angenehm sein. Wie fühlt man sich, wenn man behindert ist? Auch das ist eine Erfahrung: man muß annehmen können, selbst wenn man nicht zurückgeben kann. Es hat schon seine Richtigkeit: damit der Samariter seine gute Tat tun kann, muß das Opfer nicht nur leiden, sondern diese Tat auch an sich vollziehen lassen. Alles hat seine zwei Seiten, das eine kann vom anderen nicht getrennt werden.
Quellen - Hidde Hoekstra: Rembrandt, Bilder zur Bibel
Pattloch Verlag 1990
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